Archiv für November 2008

Was ist los in Weimar?

- eine kurze Zusammenfassung einiger Menschen aus der Gerberstraße 1

Inzwischen hat sich in mehreren Städten herumgesprochen, dass im Soziokulturellen Zentrum Gerberstraße in Weimar heftige Diskussionen geführt werden, dass es um sexuelle Übergriffe geht und dass sich eine „Spaltung“ der Weimarer Szene ankündigt.

Wir wollen im Folgenden in aller Kürze eine Übersicht über den Verlauf der Diskussionen geben. Untenstehend veröffentlichen wir das Positionspapier der Unterstützer_innengruppe der Betroffenen, das Statement der Antifagruppe Weimar und eine detaillierte Chronik der Geschehnisse.

Am Mittwoch den 29.10. wurde auf dem Vereinsplenum der Gerberstraße zum ersten mal über die sexuellen Übergriffe gesprochen, die in den Räumen der Gerberstraße stattgefunden haben. Mehrere Betroffene, die aufgrund der Übergriffe die Gerberstraße nicht mehr besuchen wollten und konnten, hatten sich an Vertrauenspersonen gewendet. Diese U-Gruppe richtete sich am 29.10. zum ersten mal mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit. Vorangegangen war dem ein Gespräch mit dem Täter, der in der Gerberstraße wohnt. Dieses Gespräch fand am Sonntag den 26.10. statt. Ihm wurde die Möglichkeit gegeben sein Verhalten zu reflektieren und ihm wurde nahegelegt ohne eine größere Öffentlichkeit aus der Gerberstraße auszuziehen. Nach diesem Gespräch richtete der Täter sich an Vertrauenspersonen und erzählte ihnen von den Vorwürfen. Diese Vertrauenspersonen machten daraufhin die Vorwürfe öffentlich und mobilisierten zum Vereinsplenum am 29.10.. Innerhalb dieser drei Tage gab es bereits Reaktionen aus Leipzig: Die Freunde des Täters hatten die Vorwürfe und die Sicht des Täters innerhalb weniger Tage über Thüringen hinaus öffentlich gemacht.

Darauf reagierte wiederum die U-Gruppe und veröffentlichte auf dem Plenum ein Positionspapier, indem sie darstellte, dass sie nach dem Prinzip der Definitionsmacht handeln, dass die Betroffenen anonym bleiben wollen und dass keine Details über die Übergriffe veröffentlicht werden sollen. Weiterhin forderte die U-Gruppe, dass der Täter aus der Gerberstraße ausziehen muss und aus den Projekten und Zusammenhängen der Gerberstraße ausgeschlossen werden soll, damit die Betroffenen wieder Zugang zu den Räumen und der politischen Arbeit in der Gerberstraße haben können.

Auf diesem Plenum entwickelte sich eine Stimmung, die die Diskussion in den folgenden Wochen prägen sollten. Es bildeten sich zwei Lager heraus: Eine Gruppe, die sich eher der Gerberstraße 1 zuordnet, Sexismus als ein Problem in der Gerberstraße wahrnimmt und größtenteils die Definitionsmacht unterstützt und eine Gruppe, die sich eher der Gerberstraße 3 und der Wunderbar zuordnet und das Prinzip der Definitionsmacht nicht anerkennt (die Beschreibung der zwei Lager soll nicht den Eindruck erwecken, dass es sich um zwei homogene Gruppen handelt, sondern soll viel mehr eine Entwicklung darstellen). Schnell wurde auch deutlich, dass die zweite Gruppe der ersten Gruppe auf dem Plenum zahlenmäßig überlegen war und dass die U-Gruppe in eine Verteidigungs- und Rechtfertigungsposition gedrängt wurde.

An diesem Verhältnis sollte sich auch im Verlauf der Diskussion, der sich in den letzten vier Wochen vollzogen hat nicht viel ändern. Von der U-Gruppe wurden Details verlangt, es wurde eine Vermittler_innengruppe und die Bildung einer neuen U-Gruppe gefordert. Die U-Gruppe ging, jeweils nach Rücksprache mit den Betroffenen, auf keine dieser Forderungen ein und beharrte konsequent auf dem Prinzip der Definitionsmacht. Der U-Gruppe wurde hingegen vorgeworfen Macht zu missbrauchen, die Übergriffe zu instrumentalisieren oder gar erfunden zu haben und die Gerberstraße bewusst „spalten“ zu wollen. Auf den Plena und in der Zwischenzeit gab es immer wieder persönliche Angriffe und Drohungen auf Mitglieder der U-Gruppe und auf diejenigen, welche sich solidarisch mit der U-Gruppe erklärten.

Am vierten Plenum zu den Übergriffen, am 19.11., eskalierte der Konflikt, der sich gegen die Intention der U-Gruppe, längst kaum noch um die konkreten Vorfälle und die Betroffenen drehte. Nachdem mehrere Personen aus dem Umfeld der Gerberstraße 1 das Plenum verlassen hatten, kam es am 19.11. zu einer Abstimmung und mehreren Beschlüssen. Diese Beschlüsse beinhalteten, dass zwei Mitglieder der U-Gruppe, die zuvor in der Gerberstraße gewohnt hatten und als Sozialarbeiter_innen angestellt gewesen waren, aus der Gerberstraße ausziehen müssen, dass sie sämtlichen Ämtern innerhalb der Gerberstraße enthoben werden und den Zugang zu jeglicher Infrastruktur der Gerber verwehrt bekommen. Einem dritten Mitglied der U-Gruppe, die Vorstandsmitglied des Gerber 1 e.V. ist, wurde nahegelegt von diesem Vorstand zurückzutreten. Anschließend wurden mehrere Schlösser zu Räumen in der Gerberstraße ausgetauscht. Wohlgemerkt handelte es sich bei diesen Räumen um öffentliche Räume und um das Büro der Gerberstraße 1.

Außerdem stellte sich in den Beschlüssen das Mittwochsplenum ausdrücklich hierarchisch über das Montagsplenum der Gerberstraße 1 und das Gerber-WG-Plenum. In der Gerberstraße 1 war ein Hausverbot für den Täter bereits beschlossen und auf dem WG-Plenum war in einem Stimmungsbild die Mehrheit für einen Auszug des Täters.

Am folgenden Tag wurden die zwei Mitglieder der U-Gruppe, welche bis dahin der Gerberstraße gewohnt hatten, schriftlich von den Mitgliedern des Vereinsvorstand der Gerberstraße 3 über ihren Ausschluss informiert.

Mit diesen Beschlüssen kehrte das Vereinsplenum nicht nur die Forderungen der U-Gruppe, dass der Täter ausziehen soll und den Betroffenen der Zugang wieder ermöglicht werden soll, in ihr Gegenteil. Sondern damit wurden zum ersten mal in der Gerberstraße Vereinsstrukturen für den sozialen und politischen Alltag wirksam. Bis dahin galten die beiden Vereine der Gerberstraße nur als Formalien, um in Verhandlungen mit der Stadt Weimar eine Rechtsperson stellen zu können, Legalisierung und Duldung für die beiden Hausprojekte zu erlangen und um öffentliche Fördermittel beziehen zu können.

Außerdem wurde den Menschen, welche die Räume der Gerberstraße 1 benutzen und dort politischen und kulturellen Aktivitäten nachgehen, über die Nutzung der Macht der Vereinsstruktur, das Recht auf Selbstorganisation und Beschlussfähigkeit abgesprochen. Dabei sollte auch benannt werden, dass ein Großteil derjenigen Menschen, welche diese Entscheidungen per Abstimmung beschlossen haben, seit Jahren kaum am politischen und sozialen Alltag der Gerberstraße (außerhalb des Kneipenlebens) beteiligt sind.

Die Zukunft des Soziokulturellen Zentrums Gerberstraße, welches bundesweit als linksradikales Projekt und Teil einer emanzipatorischen Bewegung bekannt ist, ist somit akut in Frage gestellt. Wir vermuten, dass darum in den nächsten Monaten Kämpfe geführt werden. In der Auseinandersetzung der Linken mit Geschlechterverhältnissen und sexualisierter Gewalt, haben die Auseinandersetzung innerhalb der Gerberstraße inzwischen (in einem negativen Sinne) Geschichte gemacht.

Statement der U-Gruppe

Eine Chronik der Vorfälle

Statement der Antifagruppe Weimar

Forderungen von 40 Leuten aus der Gerber 1

Positionspapier zu den sexuellen Übergriffen in der Gerberstraße von der Unterstützer_innengruppe

29.10.2008

Wir sind die Unterstützer_innengruppe mehrerer Betroffener von sexuellen
Übergriffen in der Gerberstraße 3. Wir vertreten ihre Interessen und schützen
die Betroffenen gegenüber der Öffentlichkeit und dem Täter . Dazu sind wir
von ihnen ins Vertrauen gezogen worden.

Unserem politischen Selbstverständnis nach vertreten wir die Definitionsmacht.
Hierbei ist allein relevant, wie die Betroffenen die Vorfälle interpretieren,
nicht die Sicht des Täters, denn dieser ist schon durch die Übergriffe selbst
über die intimen Grenzen der Betroffenen hinweg gegangen und er oder andere
sollen dies durch eine Be- oder Abwertung ihrer Sicht nicht noch ein mal tun
können. Aus diesem Grund möchten die Betroffenen auch anonym bleiben. Zur
Definitionsmacht gehört auch, dass die Konsequenzen für den Täter von ihnen
mitbestimmt werden.

In den letzten zwei Monaten gingen von xxxx in der Gerberstraße mehrere
sexuelle Übergriffe aus. Betroffen sind mehrere junge Frauen.
Die Betroffenen besuchen aus Angst vor xxxx die Gerberstraße nicht mehr und
bringen sich dort auch politisch und kulturell nicht mehr ein. Dies wollen
wir ändern. Es kann nicht angehen, dass der Täter von mehreren sexuellen
Übergriffen weiter in der Gerberstraße wohnt und aktiv ist, während die
Betroffenen ausgeschlossen sind. Dies widerspricht unserem politischen
Selbstverständnis und sollte auch dem der gesamten Gerberstraße
widersprechen.

Wir haben bezüglich der Vorfälle und der Forderungen der Betroffenen erst mit
dem Täter allein geredet, um ihm Gelegenheit zu geben, die Angelegenheit zu
verstehen und die Konsequenzen seines Handelns einzusehen. Dabei hatte er
auch die Gelegenheit seine Sicht der Dinge zu äußern. Das war für ihn die
Gelegenheit, sich ohne Skandal anderweitig ein Leben aufzubauen.
Er willigte ein, bis zum 16. November ohne Aufsehen aus der Gerberstraße
auszuziehen und sie dann auch nicht mehr zu besuchen. Er willigte aber nicht
aus dem Grund ein, weil er einsah, was er ihnen angetan hat und wie wichtig
deshalb sein Rückzug für die Betroffenen ist. Er stilisierte sich im
Gegenteil mehrmals als hilf loses Opfer der Unterstützer_innengruppe und der
eigentlich Betroffenen, welche sein Leben zerstören würden.

Er hielt einen Teil der Abmachung dann auch nicht ein, indem er kurz darauf
mit Freunden sprach und diese nicht davon abhielt, den Vorfall aus ihrer
Sichtweise weiter öffentlich zu machen.

Dieses Verhalten seitens des Täters macht unsere Abmachung mit ihm in diesem
Punkt hinfällig und wir treten nun mit den Vorfällen unsererseits an die
Öffentlichkeit.

Wir fordern deshalb, dass xxxx seine Zusage einhält, bis zum 16. November die
Gerberstraße zu verlassen, damit die Betroffenen wieder das Projekt besuchen
und mitgestalten können.

Wenn er dies von sich aus nicht tun will, muss ein Hausverbot ausgesprochen
werden.

Nur so werden die Betroffenen nicht erneut erniedrigt und übergangen und
können sich evtl. in der Gerberstraße wieder wohl fühlen.

Kontaktmail bei Nachfragen, etc.: u-gruppe[at]gmx.de

Der kalte Putsch von Weimar

Der kalte Putsch von Weimar

Oder: Der Verein frisst seine Kinder

Chronik einer unsäglichen Verkehrung

Wir wollen an dieser Stelle nun veröffentlichen, was seit vier Wochen in der Gerberstraße in Weimar geschieht und was inzwischen über Thüringen hinaus diskutiert wird und für Gerüchte sorgt. Wir tun dies in Anbetracht der Tatsache, dass das Soziokulturelle Zentrum Gerberstraße bundesweit und international Kontakte hat und dass es als linksradikales/autonomes Projekt und als Teil einer emanzipatorischen Bewegung bekannt ist. Die Vorgänge der letzten Wochen werden dahingehend schwerwiegende Veränderungen hervorrufen.

Die Vorgänge liegen in mehreren sexuellen Übergriffen eines WG-Bewohners der Gerberstraße 3 und in den Reaktionen auf die Forderungen der Betroffenen begründet.

Wir als Verfasser_innen dieses Textes, mehrere Menschen aus der Gerberstraße 1, stehen parteiisch auf der Seite der Unterstützer_innengruppe und erklären uns solidarisch mit den Betroffenen und unterstützen ihre Forderungen.

Um die Diskussion ansatzweise nachvollziehen zu können, halten wir es für sinnvoll der geneigten Leser_in an dieser Stelle einen groben Überblick über die Strukturen der Gerberstraße zu geben. Wenn wir dies veröffentlichen, sind wir uns darüber bewusst, dass wir ein Stück weit eine Struktur sichtbar machen, die wir unter anderen Umständen vor einer Öffentlichkeit geschützt hätten, um uns einer staatlichen Kontrolle zu entziehen oder uns vor Neonazis zu schützen. Gerade befinden wir uns aber in einer Situation, in der wir von „unseren Leuten“ alles befürchten müssen. Unter diesen Umständen bedeutet eine Veröffentlichung auch einen Schutz für uns.

Die Vereine der Gerberstraße

In der Gerberstraße gibt es drei Vereine. Den Gerberstraße 1 e.V., den Haus für Soziokultur Gerberstraße 3 e.V. und seit Kurzem den Häuserverein, der als Dachverein funktioniert. Diese Vereine wurden gegründet um die beiden Häuser Gerberstraße 1 und 3 halten zu können, um die Gerberstraße 1 zu kaufen und für die Gerberstraße 3 den Status der Duldung zu erreichen. Diese Vereine, mitsamt ihren Vorständen, galten für uns immer als Formalien auf dem Papier, die uns von außen auferlegt wurden und die keine Auswirkung auf unsere politische Praxis oder unseren sozialen Alltag in den Häusern haben sollten.

Die Plena

In der Gerberstraße 1 trifft sich jeden Montag das offene Polit-Plenum bzw. das Montagsplenum. Hier werden politische Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch Finanzen, Bausachen, Verwaltung und Konflikte innerhalb der Gerberstraße 1 besprochen. Seit einiger Zeit ist das Montagsplenum das einzige Plenum innerhalb der Gerberstraße, welches kontinuierlich funktioniert.

2004 wurde als gemeinsames Plenum für die beiden Häuser das Mittwochs-Plenum einberufen, welches jeden zweiten Mittwoch um 20:00 Uhr stattfinden sollte. Hier sollten alle Belange der Vereine besprochen werden und es galt als Vernetzung zwischen beiden Häusern. Seit mehreren Jahren funktioniert dieses Plenum jedoch kaum. Die Beteiligung ist gering und es findet nur unregelmäßig statt.

Auf dem Barplenum jeden zweiten Mittwoch werden die Bardienste verteilt. Die Kneipe wird jedoch nicht kollektiv verwaltet, sondern es gibt eine bezahlte Stelle, die sich um alle Kneipenangelegenheiten kümmert und die Bardienste verteilt.

Das WG-Plenum entscheidet über alle Belange der WG in der Gerberstraße 3. Ea fand in den letzten Jahren ebenfalls unregelmäßig bis gar nicht statt. Auch kann in der WG nicht von einem kollektiven Zusammenleben gesprochen werden, vielmehr von einer Zweckgemeinschaft. Bei Einzügen gilt hier Konsensentscheidung.

Die Räume in der Gerberstraße

Die Gerberstraße 1

In der Gerberstraße 1 hat sich ein Raum entwickelt, der größtenteils von Jugendlichen genutzt wird. Hier treffen sich vor allem politisch aktive Gruppen und Jugendcliquen. In der Gerberstraße 1 hat sich eine Bewegung entwickelt, die fähig ist die Gerberstraße 1 zu tragen und für das Projekt Entscheidungen zu treffen. Auch wenn es dahingehend immer Konflikte gab, gelten hier antisexistische Mindeststandards. Hier gab es immer wieder Veranstaltungen, in denen Sexismus und Geschlechterverhältnisse diskutiert wurden. Unter Anderem sind die „Queerschnitt – Free Your Gender Days“, welche bis jetzt zwei mal stattfanden, Teil der Gerberstraße 1. Darüber hinaus gingen von der Gerberstraße 1 zahlreiche Projekte und Aktivitäten zu unterschiedlichsten Themen aus, wie etwa das „Weimarer Aktionskomitee 11.000 Kinder“, ein Projekt zu widerständigen Jugendbewegungen im Nationalsozialismus, Austauschfahrten in verschiedene Länder, ein Infoladen, regelmäßige Filmabende und Diskussionen, Essen und Getränke zu günstigen Preisen u.v.m. Die Leute aus der Gerber 1 haben darüber hinaus auch immer Räume in der Gerberstraße 3 benutzt, etwa den Multiraum oder das Büro.

Die Wunderbar

Die Kneipe in der Gerberstraße 3 (die Wunderbar) hat sich in den letzten Jahren zu einem nahezu unpolitischen Raum entwickelt. Das Klima in der Wunderbar wurde von vielen Menschen als sexistisch und prollig wahrgenommen. Versuche aus der Gerber 1, dieses Problem zu thematisieren wurden abgeblockt und lächerlich gemacht. Dennoch benutzten auch Personen aus dem Gerber-1-Umfeld die Wunderbar als Treffpunkt.

Die Vorfälle

Der Täter überschritt in den Räumen der Gerberstraße mehrmals die Grenzen mehrerer junger Frauen. Es handelte sich dabei um psychische und physische Übergriffe. Für die Betroffenen bedeutete dies, dass sie aus Angst vor dem Täter nicht mehr in die Gerberstraße kommen wollten. Sie wandten sich deshalb an mehrere Vertrauenspersonen, die daraufhin eine Unterstützer_innengruppe (im Folgenden U-Gruppe) bildeten.

Diese Unterstützer_innengruppe traf sich nun am 26.10. zunächst allein mit dem Täter, um ihm die Möglichkeit zu geben, die Sicht der Betroffenen zu verstehen und auf ihre Forderungen einzugehen. Dem Täter wurde nahegelegt bis zum 16. November aus der Gerberstraße auszuziehen. Dass sich die U-Gruppe zunächst nicht an die Öffentlichkeit wandte, sondern allein mit dem Täter reden sollte, wurde von den Betroffenen, auch zu ihrem Schutz, gewünscht . Die U-Gruppe fürchtete von Anfang an, dass sich die Stimmung in der Gerberstraße zu Ungunsten der Betroffenen entwickeln könnte. Gerade die anfängliche Vermeidung der Öffentlichkeit einer schwatzenden, tratschenden Kleinstadt, sollte später zu einem der Hauptvorwürfe gegen die U-Gruppe werden.

Nach dem Gespräch mit dem Täter, redete dieser mit Vertrauten über die Vorfälle und über die Vorwürfe gegen ihn. Diese Vertrauten scherten sich nicht um die Sensibilität dieses Themas, sondern verbreiteten empört die Vorwürfe und die Sichtweise des Täters und mobilisierten kurzfristig zu einem außerordentlich einberufenen Mittwochsplenum am 29.10.. Das Verhalten der Vertrauten des Täters, war der Auslöser dafür, dass die Vorfälle zum Hauptgesprächsthema in Weimars Szenekneipen wurde. Der Täter hielt sie nicht davon ab.

Innerhalb der drei Tage, in denen die Freunde des Täters zu dem Mittwochsplenum mobilisierten, wurden die Vorwürfe und die Sicht des Täters über Thüringen hinaus bekannt gemacht. Am Dienstag den 28.10. erreichte die Organisator_innen der „Queerschnitt – Free Your Gender Days“ die Nachicht eines DJ’s, die sie zum Queerschnitt eingeladen hatten. Sie sagte ihren Auftritt aus Solidarität mit dem Täter kurzfristig ab.

Am besagten Mittwoch, den 29.10., versammelten sich unzählige Leute zum Mittwochsplenum in der Gerberstraße 3. Auffällig war dabei, dass nun ein großer Teil der Anwesenden, Menschen waren, die seit Jahren auf keinem der Plena in der Gerberstraße erschienen waren oder überhaupt Berührungspunkte zum Alltag der Gerberstraße (unabhängig vom Kneipenleben) haben. Die Vertrauten des Täters hatten gut mobilisiert.

Die U-Gruppe hatte ihrerseits auf die Veröffentlichung der Vorfälle durch das Täter-Umfeld reagiert und ein Positionspapier geschrieben, welches sie auf dem Mittwochsplenum verteilte. In diesem Positionspapier erklärte sie die Lage der Betroffenen und beschrieb das Prinzip der Definitionsmacht, nach dem sie handelt: Allein die Betroffenen haben das Recht die ihnen angetane Grenzüberschreitung zu definieren, die Betroffenen wollen anonym bleiben und es sollen keine Details genannt werden. Außerdem stellte die U-Gruppe in diesem Positionspapier nun öffentlich, im Namen der Betroffenen, die Forderung, dass der Täter aus der Gerberstraße ausziehen soll. Nachdem das Positionspapier verteilt worden war, sich die U-Gruppe vorgestellt hatte und den Raum für mögliche Fragen öffnen wollte, befanden sich die Unterstützer_innen von Anfang an unter einem Rechtfertigungsdruck. Es wurden Details und objektive Maßstäbe zur Bewertung von sexuellen Übergriffen gefordert, die U-Gruppe wurde als Inquisition bezeichnet, ihr wurde Machtmissbrauch vorgeworfen, es wurde vorgeworfen eine Herangehensweise zu benutzen, die so niemals in der Gerber akzeptiert worden wäre und die Übergriffe an sich wurden in Frage gestellt. Von Anfang an versuchten sich Leute mit Hilfe von Hierarchien (etwa Vorstandsmitgliedschaft, Alter, Erfahrung) zu legitimieren und sich damit das Recht zu nehmen über die Betroffenen hinweg zu entscheiden. Dabei kam es auch bei diesem ersten Plenum zu Drohungen, vor allem gegenüber jüngeren Menschen. Es hatte sich auf dem Plenum eine Gruppe von jüngeren Menschen gebildet, die aus dem Umfeld der Gerberstraße 1 kommen, welche die U-Gruppe unterstützten und das Prinzip der Definitionsmacht verteidigten.

Gerade in der Gerberstraße 1 beschäftigen sich seit Jahren junge Menschen mit Sexismus und Geschlechterverhältnissen. Dabei wurde auch immer wieder über Definitionsmacht und antisexistische Praxis diskutiert. Diese jungen Menschen waren es, die auch schon vor den Übergriffen mehrmals versucht hatten, diese Diskussion in die Gerberstraße 3 zu tragen und welche die mangelnde Auseinandersetzung mit diesen Themen kritisiert hatten. Diese Interventionsversuche wurden seitens des Barplenums oder seitens einzelner Menschen immer wieder abgeblockt und die Beschäftigung mit diesen Themengebieten wurde lächerlich gemacht.

Das Mittwochsplenum am 29.10. entwickelte sich dahingehend, dass ein großer Teil der Anwesenden, der U-Gruppe die Glaubwürdigkeit absprach. Als Alternativ-Vorschlag wurde die Erstellung einer Vermittler_innengruppe gemacht: Die Anwesenden sollten per Abstimmung „Vertrauenspersonen“ festlegen, denen die U-Gruppe Details über die Vorfälle nennen sollten. Diese Personen, denen das Plenum vertraut, sollten dann auf dem nächsten Plenum ihre Entscheidungen kundtun, ob die Vorfälle schwerwiegend genug seien, damit ein Ausschluss des Täters gerechtfertigt sei. Die U-Gruppe sagte von Anfang an, dass sie diesen Vorschlag nicht gut findet, da es doch eine Weitergabe von Details sei und da die Betroffenen sich bewusst an die Personen ihres Vertrauens gewandt hatten. Sie sagten jedoch auf diesem Plenum, dass sie diesen Vorschlag an die Betroffenen weitergeben würden und dass die Entscheidung darüber bei den Betroffenen liegt. Daraufhin ging das Plenum am 29.10. auseinander – nächster Termin sollte der 05.11. sein.

In der dazwischenliegenden Woche kam es zu einem Vorfall, der klar machte, wie die Stimmung im Umfeld in der Gerberstraße 3 gegenüber der U-Gruppe ist: Ein Mitglied der U-Gruppe wurde aus der Wunderbar „gegangen“. Einen Zusammenhang zwischen der Diskussion um die Übergriffe und dem Rausschmiss wurde auf einem der nächsten Plena als „spekulativ“ bezeichnet. Außerdem kam es zu Versuchen, die U-Gruppe zu spalten. In mehreren persönlichen Gesprächen wurde zwei Mitgliedern der U-Gruppe nahegelegt, doch die Fronten zu wechseln. Außerdem wurde über einen anonymen Mail-Account ein Statement an mehrere Personen geschickt, in dem die U-Gruppe für die Gerüchte in Weimar verantwortlich gemacht wurde, ihr der Versuch der Spaltung des Projektes unterstellt und wieder Details verlangt wurden.

Auf dem Montagsplenum der Gerberstraße 1 am 03.11.
wurde beschlossen, dass für den Fall, dass sich Gerber 1 und Gerber 3 voneinander trennen1 würden, sich das Montagsplenum als Hausplenum der Gerberstraße 1 legitimiert und nicht mehr an das Mittwochsplenum gebunden ist. Die Entwicklung, dass das Montagsplenum unabhängig vom Mittwochsplenum wurde und über die Belange des Gerber 1 e.V. entscheidet, hatte es jedoch schon vorher gegeben.
Zusätzlich wurde am 03.11. ein Hausverbot für den Täter in der Gerber 1 beschlossen. Dies war auf dem vorangegangenen Mittwochsplenum bereits angekündigt worden. Ein weiterer Beschluss war es, dass für das nächste Mittwochsplenum ein_e außenstehende_r Moderator_in organisiert werden sollte, um eine Diskussion über eine Lösung des Problems möglich zu machen. Dies wurde der U-Gruppe am 05.11. zum Vorwurf gemacht: Es handele sich um eine Konspiration; es würden Entschlüsse über das gemeinsame Plenum hinweg gefällt.

Als sich das Plenum am 05.11. wieder zusammenfand, musste zunächst der Raum gewechselt werden: Es waren so viele Schaulustige gekommen, dass die Kapizitäten des Multiraumes nicht ausreichten. Zu Beginn des Plenums wurde ein Statement der Antifagruppe Weimar zu den Übergriffen, in dem sich die Gruppe mit den Betroffenen und mit der U-Gruppe solidarisierte und ein erneutes Positionspapier der U-Gruppe verteilt, in dem sie begründete, warum die Betroffenen den Vorschlag einer Vermitller_innengruppe ablehnen. Daraufhin war die U-Gruppe erneut Ziel von Angriffen und Beschuldigungen. Der U-Gruppe wurde vorgeworfen, sie würde nicht auf Vorschläge eingehen, würde nicht kompromissbereit sein, würde sich zu Richter und Henker in einer Person machen, würde die Betroffenen in ihrem Sinn beeinflussen, würde sich bemächtigen, sie würde den Täter aus den Zusammenhängen „rausmobben“ wollen. Obwohl die U-Gruppe gesagt hatte, dass die Entscheidung über den Vorschlag einer Vermittler_innengruppe bei den Betroffenen liegt, wurde sie beschuldigt, den angeblichen Plenums-Beschluss zur Einrichtung einer Vermittler_innengruppe übergangen zu haben.

Wieder solidarisierten sich mehrere Personen aus dem Umfeld der Gerber 1 mit der U-Gruppe und mit den Betroffenen und argumentierte gegen den Personenkreis, welcher den Täter offensichtlich in den Zusammenhängen behalten möchte. An dieser Stelle wurde zum ersten Mal indirekt die Drohung ausgesprochen, das Montagsplenum der Gerber 1 zu delegitimieren: Es gäbe kein Gerber-1 Plenum und einzig das Mittwochsplenum sei dazu befugt über die Belange des Vereins Gerberstraße 1 e.V. zu entscheiden. Darüber hinaus wurde des öfteren ein Unbehagen gegenüber der politischen Entwicklung in der Gerber 1 geäußert: In der Gerber 1 seien intolerante, autoritäre, dogmatische Ideologien am Werkeln. Genauer beschrieben wurden diese Ideologien nicht, es ist jedoch offensichtlich, dass es sich dabei um die Auseinandersetzung mit Sexismus und um die Antifagruppe Weimar handeln soll.

Auf dem Plenum am 05.11. gab es wieder Drohungen, teilweise wurden Gegenargumente mit Stimmgewalt niedergeredet. Das Plenum drehte sich lange Zeit im Kreis und es wurde vor Allem zu einer Grundsatzdebatte über Sexismus und Definitionsmacht. Dabei wurde von einem großen Teil der Anwesenden gefordert, die Übergriffe zu entpolitisieren und die Vorfälle unabhängig von einer Debatte über Definitionsmacht und Sexismus zu betrachten. Gegenargumente, dass Sexismus ein gesellschaftliches Verhältnis sei, dass alle Menschen in dieser Gesellschaft Sexismen verinnerlicht haben und dass es deswegen sehr wohl eine politische Frage sei, ob der Täter ausgeschlossen wird oder nicht, wurde von einem großen Teil der Anwesenden verlacht.

Zum ersten mal wurde eine Person der U-Gruppe aufgrund der Tatsache angegriffen, dass sie aus den alten Bundesländern kommt, dass sie daher „Spaltungen“ schon kenne und eine solche „Spaltung“ innerhalb der Gerberstraße forcieren wolle.

Diejenigen Leute, die seit Jahren kaum am politischen und sozialen Alltag der Gerberstraße beteiligt sind, stellten immer wieder in den Vordergrund, dass sie der U-Gruppe nicht vertrauen würden. Daran, dass der Täter gegenüber den Betroffenen und gegenüber seinen politischen und sozialen Zusammenhängen Vertrauen gebrochen haben könnte, wurde kein Gedanke verloren. Es wurden wieder objektive Maßstäben und Details gefordert, um dem Plenum die Möglichkeit zu geben, objektiv über die Vorfälle entscheiden zu können. Dabei wurde unter Anderem Betroffenen von sexuellen Übergriffe generell die Fähigkeit abgesprochen, bewusste Entscheidungen treffen zu können; dass es ihnen in einer solchen Situation nicht um den Erhalt ihrer Freiräume gehen könne. Mehrmals wurde vorgeschlagen, dass die U-Gruppe die Betroffenen im Sinne des Plenums beeinflussen solle und dass sie sich eine psychotherapeutische Beratung suchen sollten.

Zusätzlich gab es unsägliche Beschimpfungen und Gleichsetzungen: Die Mitglieder der U-Gruppe seien „Faschisten“ und wenn die Forderungen der Betroffenen als politische Forderungen gedeutet werden, würde man die Betroffenen instrumentalisieren und das sei ähnlich wie wenn Neonazis Todesstrafe für Kinderschänder fordern würden.

Gegen Ende wurden wieder ausdrücklich Drohungen gegen ein Mitglied der U-Gruppe ausgesprochen.

Schließlich ging das Mittwochsplenum wieder mit einem Vorschlag an die Betroffenen auseinander: Die Betroffenen sollten sich eine neue Unterstützer_innegruppe suchen, am besten mit Personen die nicht in Verbindung zu den Projekten der Gerberstraße stehen. Auf dem nächsten Plenum sollte diese neue U-Gruppe sich vorstellen und das Plenum solle darüber entscheiden, ob man mit dieser neuen U-Gruppe weiter ‚verhandeln‘ könne. Die U-Gruppe betonte, dass dieser Vorschlag aberwitzig sei, da er die Betroffenen entmündigt und ihre Entscheidungen (für eine U-Gruppe) in Frage stellte. Aber auch dieser neue Vorschlag solle an die Betroffenen weitergegeben und nach ihrer Entscheidung gefragt werden. Dies wurde auch deshalb betont, da die Forderungen der U-Gruppe als Forderungen der Personen der U-Gruppe und nicht als Forderung der Betroffenen wahrgenommen wurden.

Nächster Termin war der 12.11..

Zu Beginn des dritten Plenums zu den Vorfällen, teilte die U-Gruppe den Anwesenden mit, dass die Betroffenen es abgelehnt haben, sich eine neue U-Gruppe zu suchen. Die Reaktionen darauf waren ähnlich wie beim Plenum vom 05.11.. Die U-Gruppe wurde beschimpft, ihr wurden Unterstellungen gemacht und ihr wurde die „Kompetenz“ abgesprochen. Im ersten Teil des Plenums wurde dann wieder über Grundsätze diskutiert.

Aus der Seite der Gerber 1 wurde dann gesagt, dass man endlich darüber nachdenken solle ob die Trennung eine mögliche Option sei und wenn ja, wie man eine solche Trennung vollziehen könne, damit es für alle Beteiligten am Besten wäre. Die Reaktion darauf war wutentbranntes Geschrei und einige „Genoss_innen“ waren so sehr geschockt, dass das Plenum eine Pause machen musste.

Nach dieser Pause drängte die Moderation darauf, dass die gegenüberstehenden Parteien endlich über den Umgang mit dem Fall reden sollte. Daraufhin forderte die U-Gruppe, dass darüber abgestimmt werden sollte, ob der Täter ein Hausverbot bekommt oder nicht, da die Betroffenen eine Entscheidung erwarten und klare Verhältnisse brauchen. Da die Reaktionen darauf wieder wütend waren, wurde dann darüber abgestimmt ob darüber abgestimmt werden soll, ob der Täter bleibt oder nicht. Bemerkenswert ist, dass es vor der Abstimmung einen Anquatschversuch gab. Einer Person aus der Gerber 1 wurde nahegelegt nicht an der Abstimmung teilzunehmen, da sie ein „Wackelkandidat“ sei. Die Mehrheit der Anwesenden sprach sich gegen eine Abstimmung aus – Begründung: Mangelndes Detailwissen.

Damit ging das dritte Plenum ohne Entscheidung auseinander. Von mehreren Seiten wurde gesagt, dass die einzelnen Gruppen und Personen nun selbst ihre Konsequenzen aus der Diskussion ziehen müssen. Für uns bedeutete dies, dass das Mittwochsplenum nicht mehr beschlussfähig ist. Als Letztes wurde vereinbart, dass am kommenden Mittwoch, den 19.11. kein Mittwochsplenum stattfinden wird.

In den darauf folgenden Tagen
wurde das Passwort des Email-Accounts der Gerberstraße 3 geändert. Eine Person der U-Gruppe hatte diesen Account seit Jahren alleine benutzt und sich um die Verwaltung der Mails gekümmert. Nun war ihr der Zugang zu den Mails verwehrt. Wer das Passwort für den Mail-Account nun besitzt ist bis jetzt nicht bekannt. Dies stellt eine Einschränkung der persönlichen und politischen Aktivitäten dar.

Am nächsten Montag, am 17.11. kamen mehrere Menschen, die sich für den Täter ausgesprochen hatten, zum Montagsplenum der Gerber 1. Sie beteiligten sich zunächst nicht am Plenum. Nach dem die Tagesordnung abgearbeitet war, entstand jedoch eine Diskussion über die Beziehung der Gerber 1 zur Gerber 3, über Plenastrukturen und die Zukunft der Gerberstraße. Wichtig war dabei unter Anderem die Frage, ob das Montagsplenum dem Mittwochsplenum unterliegt.

Bereits vor dem Montagsplenum waren mehrere Aushänge aufgetaucht, die erneut zu einem Mittwochsplenum, am 19.11. aufriefen.
Thema: Fortbestehen und Zukunft der Gerberstraße.

Auf diesem Plenum gab es keine neutrale Moderation und dementsprechend wüst wurde die Diskussion geführt. Da mehrmals persönliche Angriffe gefahren wurden, verließen recht bald mehrere Personen aus der Gerberstraße 1 den Raum. Im Verlauf des Plenums entschieden sich immer mehr Menschen aus dem Umfeld der Gerber 1 zu gehen – ebenso zwei Mitglieder der U-Gruppe. Daraufhin wurden sie wegen „mangelnder Standhaftigkeit“ diffamiert.

Wenige hatten jedoch geahnt, dass die Entscheidungen, die auf diesem Plenum gefällt werden würden, geplant und abgesprochene Sache waren. Im Verlauf des Abends drängten einige der Personen, die sich gegen die U-Gruppe ausgesprochen hatten, immer wieder auf eine Abstimmung gegen die beiden U-Guppen Mitglieder und ihre Sozialarbeiterstellen.

Während der Diskussion wurden angebliche (!) Details zu den Übergriffen genannt und verharmlost. „Balzverhalten“ sei üblich in einem Jugendclub wie der Gerberstraße.

Die Beschlüsse für die „Zukunft der Gerberstraße“ fielen folgendermaßen aus: Die zwei Mitglieder der U-Gruppe, die bis zu diesem Zeitpunkt in der Gerberstraße wohnten, wurden allen „Ämtern“ (Sozialarbeiterstellen) enthoben und ihnen wird der Zugang zu sämtlicher Infrastruktur der Gerberstraße entzogen. Die Vereinsvorstände der Gerberstrasse 3 erwirkten, unabhängig von eventuellen Plenumsbeschlüssen, den Auszug der Beiden. Einem anderen Mitglied der U-Gruppe, die sich im Vorstand des Gerberstraße 1 e.V. befindet, wurde nahe gelegt aus dem Vorstand zurückzutreten. Es wurde dem WG-Plenum nahe gelegt, den Entschluss über die Auszüge zu bestätigen, wenn dies nicht der Fall sei, würde die WG aufgelöst. Ebenso sollen diese Entscheidungen vom Montagsplenum der Gerberstraße 1 bestätigt werden, andernfalls hätte das Montagsplenum keine Geltung. Dies wurde mit einem angeblichen „Notstand“ und dem Satz begründet: „Wenn ein Baby gegen die Wand rennt, muss man es davon abhalten.“ Mit dem Baby ist die Gerberstraße 1 gemeint. Diese Beschlüsse wurden mit einer 3/4 Mehrheit (28 zu 10) beschlossen, wohlgemerkt von einer Mehrheit, die sich seit Jahren nicht am Alltag der Gerberstraße (außerhalb des Kneipenlebens) beteiligt.

Diesen Beschlüssen wurde nach dem Plenum ein praktischer Nachdruck verliehen: Die Schlösser des Büros und des Multiraums wurden mit bereitliegenden neuen Schlössern ausgetauscht. Wer die Schlüssel nun besitzt ist uns nicht bekannt.

Im Nachgang wurde bekannt, dass sich die Gegner der U-Gruppe zu Gesprächen in verschiedenen anderen Kneipen zu Absprachen zusammengekommen waren. Dies lässt den Schluss zu, dass das Stattfinden und das Ergebnis der Abstimmung abgesprochen waren. Das prompte Austauschen der Schlösser unterstreicht diese Vermutung. Zudem war auffällig, dass das Diskussionsverhalten und Engagement der Jugendlichen aus der Gerberstrasse 1 auf diesem letzten Plenum ausdrücklich gelobt, im selben Zusammenhang aber keines ihrer Argumente ernst genommen wurde. Bei diesem letzten Plenum traten die U-Gruppengegner als homogene Gruppe auf.

Am nächsten Tag
waren an den Türen der zwei Mitglieder der U-Gruppe, die bis dahin in der Gerber gewohnt hatten ein Zettel mit folgender Nachricht befestigt:

Weimar, den 19.11.2008

Betrifft: Ausschluss aus dem Projekt „Gerberstraße 3“

Hallo xxxxxxx, Hallo xxxxxx!

Mit Vorstandsbeschluss vom 19.11.2008, seid ihr wegen massiver Missachtung der Satzung (§2.2) und wegen mehrfachen Verstoßens gegen die Ideale des Vereins, aus dem Verein ausgeschlossen und habt mit einer Frist von 3 Wochen (Stichtag 10.12.2008) die von euch bewohnten Zimmer im Haus zu räumen. Außerdem werden euch vorübergehend sämtliche Zugänge zu Infrastruktur des Vereins (Internet, Rechner, Telefon, Büroräumlichkeiten) verweigert. Bei Nichteinhaltung der Frist werden Maßnahmen zu eurem Auszug ergriffen.

Unterschriften der Vereinsvorstände, Stempel des Vereins Gerberstraße 3 e.V.

Außerdem wird eine Untersschrift „Zur Kenntnis genommen“ verlangt.

Am selben Tag stellten Besucher_innen der Gerberstraße 1 fest, dass die Heizung der G1 nicht mehr funktionierte – die Regulierung dieser Heizung läuft über die Gerberstraße 3.
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Uns fehlen die Worte für so viel Scheiße. Dass statt einem Täter, die Unterstützer_innengruppe der Betroffenen (und somit die Betroffenen selbst) aus einem Projekt ausgeschlossen werden, das sich als links versteht, geht nicht in unseren Kopf. Der U-Gruppe wurde immer wieder Machtmissbrauch vorgeworfen – nun haben mehrere Menschen, die offensichtlich nichts von Antisexismus halten, Vereinsstrukturen, die bisher immer eine Formalie waren, benutzt um diejenigen auszuschließen, die antisexistische Forderungen stellen. Obendrein wurde Menschen, die eine unbequeme Kritik formulieren, übergangen und ihnen wurde die Entschlussfähigkeit abgesprochen. Die Diskussion ist nun auf einer rechtlichen, rechtsstaatlichen Ebene angelangt. Dies hätten wir uns nie auch nur im Traum so ausgemalt. Wir sind geschockt, wütend und traurig.

Eins jedoch steht für uns fest: Das Vereinsplenum (Mittwochsplenum) der Gerberstraßen-Vereine hat für uns keine Geltung und wir lehnen die Beschlüsse ab. Wir solidarisieren uns weiterhin mit den Betroffenen und mit der U-Gruppe und wir werden um die Räume in der Gerberstraße 1 kämpfen.

Mit dieser Veröffentlichung der Abläufe einer unsäglichen Verkehrung (Betroffene müssen gehen), erhoffen wir uns Solidarität aus anderen Zusammenhängen und hoffen, dass auf diejenigen, die sich hinter den Täter gestellt haben, ein öffentlicher Druck ausgeübt wird. Diese Zustände sind nicht hinzunehmen.

Für die Definitionsmacht kämpfen!

Einige Menschen aus der Gerberstraße 1.

  1. Wir benutzen bewusst nicht den Begriff der „Spaltung“. Eine Spaltung impliziert, dass eine Kraft von außen auf etwas einwirkt, was dann eine Gruppe oder eine Gemeinschaft spaltet, ähnlich wie wenn eine Axt ein Stück Holz spaltet. Wer von einer Spaltung redet, der projiziert die Ursachen dafür in den meisten Fällen auf Personen, die von außen kommen oder „die sowieso nie richtig dazu gehörten“ (in diesem Fall wurde auf „die Wessis“ geschimpft). Die Rede von einer Spaltung impliziert die Verweigerung, über komplizierte und widersprüchliche Entwicklungen innerhalb des eigenen Gefüges nachzudenken und sucht die Schuld nie bei sich selbst. Im Folgenden werden wir den Begriff der Trennung benutzen: Ein Prozess der in linken Gruppen immer wieder vollzogen wurde, gerade weil die Linke keine homogene Masse ist. [zurück]

Statement der Weimarer Antifagruppe [AAW] zu den sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt in der Gerberstraße

05.11.2008

In den vergangenen Monaten gingen von einem Bewohner der Gerber-WG in der Gerberstraße mehrere sexuelle Übergriffe aus – Betroffene sind mehrere junge Frauen. Es hat sich eine Unterstützer_innengruppe gebildet, welche die Forderungen der Betroffenen vertritt. Diese Unterstützer_innengruppe hat dem Täter die Möglichkeit gegeben sein Verhalten zu reflektieren und aus der Gerberstraße auszuziehen. Er willigte ein auszuziehen, dies jedoch nicht aus der Einsicht heraus, dass er Grenzen überschritten hat. Nachdem vertraute Personen des Täters die Vorwürfe und die Sicht des Täters öffentlich gemacht haben, trat am vergangenen Mittwoch auf dem Vereinsplenum der Gerberstraße die Unterstützer_innengruppe an die Öffentlichkeit und forderte ein Hausverbot für xxxx.

Wir sind wütend und traurig, dass in der Gerberstraße, als deren Teil wir uns verstehen, sexualisierte Gewalt geschieht und anscheinend von vielen geduldet wird. Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen und mit der Untersützer_innengruppe und stellen uns voll hinter deren Forderungen.
Aufgrund der Reaktionen auf dem letzten Vereinsplenum am vergangenen Mittwoch erachten wir es nun als notwendig selbst ein Statement zu veröffentlichen und wollen damit die Diskussion voranbringen.

Das Prinzip der Definitionsmacht wurde auf dem Vereinsplenum am vergangenen Mittwoch von einem großen Teil der Anwesenden abgelehnt. Als ein Grund wurde unter Anderem genannt, dass Macht etwas negatives sei und dass deshalb Betroffene und U-Gruppe sich auch keine Macht aneignen dürften. Diese Position kommt in unseren Augen einer bürgerlichen Argumentation recht nahe, die einer radikalen Linken Gewalttätigkeit unterstellt und selbst täglich ein Gewaltverhältnis aufrecht erhält. Diese Argumentation ist außerdem eine Verspottung der Betroffenen und ignoriert die eigene Verstrickung in Machtverhältnisse.

Wenn es in einer Gesellschaft oder in einer Gruppe hierarchische Machtstrukturen gibt, dann muss eine Bewegung, die ein herrschaftsfreies Zusammenleben anstrebt, auf diese Strukturen reagieren. In politischen Kämpfen bedeutet dies, dass eine Gegenmacht aufgebaut werden muss, die eigene Interessen und Utopien gegen eine Übermacht verteidigt. Das Prinzip der Gegenmacht wird in der Linken seit jeher praktiziert. Nicht zuletzt ist die Gerberstraße eine Gegenmacht in einem „sanierten Kulturstadtzoo“.

Sei es bei Hausbesetzungen oder bei Aktionen gegen Nazis – diese Aktionsformen sind in der radikalen Linken anerkannt und niemand würde auf die Idee kommen, sie als „autoritäre Maßnahmen“ zu verurteilen, wie es am vergangenen Mittwoch der Definitionsmacht entgegengehalten wurde.

In der Geschichte hat sich die Linke oft einer „höheren Sache“ verschrieben, sei es das Voranschreiten der Arbeiterklasse oder die Beseitigung eines Hauptwiderspruchs. Gegenüber dieser „höheren Sache“ wurden individuelle Bedürfnisse oft übergangen und dies bedeutete unter Anderem, dass eine männerdominierte Bewegung sexistische Verhältnisse reproduziert und die Bedürfnisse von Betroffenen sexualisierter Gewalt ignoriert hat. Wenn nun antisexistische Gruppen das Prinzip der Definitionsmacht verteidigen, dann bedeutet dies, dass sie eine Gegenmacht aufbauen. Diesem Handeln liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich niemand unabhängig von gesellschaftlichen Machtverhältnissen bewegen kann und dass jeder Mensch, der sich in einer sexistischen Gesellschaft bewegt, diese Verhältnisse verinnerlicht hat. Definitionsmacht bedeutet also nicht nur Schutz von Betroffenen, sondern auch sich selbst aus dem Fokus der Kritik nicht herauszunehmen.

Die Reaktionen in der Gerberstraße auf die Forderungen der Unterstützer_innengruppe zeugen nun davon, dass es weder Bereitschaft gibt, sich selbst und die eigenen Handlungsweisen zu hinterfragen („wie soll ich denn ein Sexist sein?“), noch Macht abzugeben. Denn dies bedeutet Definitionsmacht – Macht an Betroffene sexualisierter Gewalt, die sich in einer Ohnmachtssituation befinden, abzugeben.

Uns erscheint es zudem lächerlich, dass Definitionsmacht als Macht abgelehnt wird, während gerade in der Diskussion um den Ausschluss von xxxx, vorhandene Machtverhältnisse gegen die Unterstützer_innengruppe und die Forderungen der Betroffenen ausgespielt werden. Leute, die sich als Vereinsvorstände wichtig machen, das eigene langjährige Engagement in der Gerberstraße als Legitimation benutzen, Mitglieder der U-Gruppe diffamieren oder jüngere Menschen bedrohen (so geschehen auf dem letzten Vereinsplenum), sind diejenigen, die Machtverhältnisse missbrauchen.

Aber damit nicht genug – in der Argumentation gegen die Forderungen der Betroffenen wurden außerdem Machtverhältnisse vollkommen verdreht dargestellt, was sich beispielsweise in der Rede vom „betroffenen Beschuldigten“ zeigt. Hier wird der Täter als Opfer stilisiert, während das Erlebte der tatsächlich Betroffenen heruntergespielt wird. Der vorgebrachte Vorschlag, nicht von einem Täter, sondern von einem „Beschuldigten“ zu reden, zeugt zusätzlich davon, dass den Betroffenen im Vorhinein kein Glaube geschenkt wird. Hier sehen wir ein weiteres vorherrschendes Machtverhältnis reproduziert, welches sich in dem Grundsatz des bürgerlichen Rechts – „Im Zweifelsfalle zu Gunsten des Angeklagten“ manifestiert.

Ebenso verkehrt finden wir es, dass der Unterstützer_innengruppe vorgeworfen wird, sie würde eine Herangehensweise an den Tag legen, die sie selbst festgelegt hätte und die vorher nie diskutiert worden wäre. Unabhängig davon, dass Definitionsmacht zurecht bewusst und parteiisch etwas festlegt und neue Voraussetzungen schafft, ist die Behauptung, dass eine Diskussion im Vorfeld nicht statt gefunden hätte, schlicht und einfach nicht wahr. Seit mehreren Jahren gibt es (zumindest in der Gerberstraße 1) eine Auseinandersetzung mit Sexismus und dem Umgang mit sexualisierter Gewalt. Dabei wurde auch über Definitionsmacht diskutiert. Diese Diskussion wurde aber von einem Teil der Gerberstraße nicht nur ignoriert, sondern sogar abgelehnt. Während es in der Gerberstraße 1 immer wieder Veranstaltungen und Diskussionen über Geschlechterverhältnisse und Sexualität gegeben hat, bestand in der Gerberstraße 3 die Auseinandersetzung mit diesen Themen allein in der Zurückweisung der Diskussion. Dies erachten wir als einen Grund, warum in der Kneipe der Gerber 3 ein Raum entstehen konnte, in dem es ein sexistisches und prolliges Grundklima gibt, in dem nicht sensibel reagiert werden kann und in dem sexuelle Gewalt erst möglich wird.

Unter den aktuellen Umständen fragen wir uns als Antifagruppe, ob wir uns nun nicht selbst den Vorwurf machen müssen, dass wir dies hingenommen haben. Denn die Konfrontation, die nun stattfindet, findet zu spät und vor Allem auf dem Rücken der Betroffenen statt.

Dass wir diejenigen sind, die die Diskussion im Vorfeld geführt haben, stellt uns keinen Persilschein aus und rückt uns nicht aus dem Fokus einer generellen Kritik. Gerade deshalb sind wir in der Auseinandersetzung, die gerade stattfindet, parteiisch. Wir stellen uns klar auf die Seite der Betroffenen und der U-Gruppe.

Dabei stellen wir folgende Forderungen:

* xxxx muss aus der Gerber ausziehen und Hausverbot bekommen, damit die Betroffenen sich in der Gerber wieder wohlfühlen können

* Die Betroffenen müssen das Erlebte nicht beweisen

* Die Anonymität, die sich die Betroffenen wünschen, muss bewahrt werden

* Die Diskussion über Sexismus und Geschlechterverhältnisse muss in beiden Häusern geführt werden

* Am Klima in der Gerberstraße 3 muss grundlegend etwas verändert werden

Positionen und Forderungen einiger Leute aus der Gerberstraße 1

Diese Forderungen unterschrieben ca. 40 Leute aus der Gerber 1. Bitte meldet euch bei uns, wenn ihr diese Forderungen als Gruppe oder Einzelperson unterstützen wollt.

1.) Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen und mit der Unterstütz_innen-Gruppe!

2.) Wir unterstützen die Forderungen der Betroffenen, dass xxxx [der Täter] auszieht und auch ein Hausverbot für die Gerberstraße 3 bekommt!

3.) Wir erkennen die Beschlüsse des Mittwochs-Plenums nicht an.
xxxx und xxxx [Mitglieder der U-Gruppe] sind und bleiben ein Teil der Gerberstraße 1 – nicht nur in ihren Funktionen!

4.) Das Montags-Plenum entscheidet über die Gerberstraße 1 und ist Hausplenum, damit unterliegt es nicht dem Mittwochs-Plenum!

5.) Das Montags-Plenum ist Gerber-1-Vereinsplenum!

Weitere Unterstützer_innen:

Besetztes Haus Erfurt

Infoladen Sabotnik
Gruppe Plan B
JAPS Jena
Antifagruppe Apolda AGAP
Antifa-Koordination Mühlhausen
Infogruppe Rosenheim
Antifaschistische Koordination Erfurt [AKE]
Antifaschistische Aktion Gera [aag]