Der kalte Putsch von Weimar

Der kalte Putsch von Weimar

Oder: Der Verein frisst seine Kinder

Chronik einer unsäglichen Verkehrung

Wir wollen an dieser Stelle nun veröffentlichen, was seit vier Wochen in der Gerberstraße in Weimar geschieht und was inzwischen über Thüringen hinaus diskutiert wird und für Gerüchte sorgt. Wir tun dies in Anbetracht der Tatsache, dass das Soziokulturelle Zentrum Gerberstraße bundesweit und international Kontakte hat und dass es als linksradikales/autonomes Projekt und als Teil einer emanzipatorischen Bewegung bekannt ist. Die Vorgänge der letzten Wochen werden dahingehend schwerwiegende Veränderungen hervorrufen.

Die Vorgänge liegen in mehreren sexuellen Übergriffen eines WG-Bewohners der Gerberstraße 3 und in den Reaktionen auf die Forderungen der Betroffenen begründet.

Wir als Verfasser_innen dieses Textes, mehrere Menschen aus der Gerberstraße 1, stehen parteiisch auf der Seite der Unterstützer_innengruppe und erklären uns solidarisch mit den Betroffenen und unterstützen ihre Forderungen.

Um die Diskussion ansatzweise nachvollziehen zu können, halten wir es für sinnvoll der geneigten Leser_in an dieser Stelle einen groben Überblick über die Strukturen der Gerberstraße zu geben. Wenn wir dies veröffentlichen, sind wir uns darüber bewusst, dass wir ein Stück weit eine Struktur sichtbar machen, die wir unter anderen Umständen vor einer Öffentlichkeit geschützt hätten, um uns einer staatlichen Kontrolle zu entziehen oder uns vor Neonazis zu schützen. Gerade befinden wir uns aber in einer Situation, in der wir von „unseren Leuten“ alles befürchten müssen. Unter diesen Umständen bedeutet eine Veröffentlichung auch einen Schutz für uns.

Die Vereine der Gerberstraße

In der Gerberstraße gibt es drei Vereine. Den Gerberstraße 1 e.V., den Haus für Soziokultur Gerberstraße 3 e.V. und seit Kurzem den Häuserverein, der als Dachverein funktioniert. Diese Vereine wurden gegründet um die beiden Häuser Gerberstraße 1 und 3 halten zu können, um die Gerberstraße 1 zu kaufen und für die Gerberstraße 3 den Status der Duldung zu erreichen. Diese Vereine, mitsamt ihren Vorständen, galten für uns immer als Formalien auf dem Papier, die uns von außen auferlegt wurden und die keine Auswirkung auf unsere politische Praxis oder unseren sozialen Alltag in den Häusern haben sollten.

Die Plena

In der Gerberstraße 1 trifft sich jeden Montag das offene Polit-Plenum bzw. das Montagsplenum. Hier werden politische Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch Finanzen, Bausachen, Verwaltung und Konflikte innerhalb der Gerberstraße 1 besprochen. Seit einiger Zeit ist das Montagsplenum das einzige Plenum innerhalb der Gerberstraße, welches kontinuierlich funktioniert.

2004 wurde als gemeinsames Plenum für die beiden Häuser das Mittwochs-Plenum einberufen, welches jeden zweiten Mittwoch um 20:00 Uhr stattfinden sollte. Hier sollten alle Belange der Vereine besprochen werden und es galt als Vernetzung zwischen beiden Häusern. Seit mehreren Jahren funktioniert dieses Plenum jedoch kaum. Die Beteiligung ist gering und es findet nur unregelmäßig statt.

Auf dem Barplenum jeden zweiten Mittwoch werden die Bardienste verteilt. Die Kneipe wird jedoch nicht kollektiv verwaltet, sondern es gibt eine bezahlte Stelle, die sich um alle Kneipenangelegenheiten kümmert und die Bardienste verteilt.

Das WG-Plenum entscheidet über alle Belange der WG in der Gerberstraße 3. Ea fand in den letzten Jahren ebenfalls unregelmäßig bis gar nicht statt. Auch kann in der WG nicht von einem kollektiven Zusammenleben gesprochen werden, vielmehr von einer Zweckgemeinschaft. Bei Einzügen gilt hier Konsensentscheidung.

Die Räume in der Gerberstraße

Die Gerberstraße 1

In der Gerberstraße 1 hat sich ein Raum entwickelt, der größtenteils von Jugendlichen genutzt wird. Hier treffen sich vor allem politisch aktive Gruppen und Jugendcliquen. In der Gerberstraße 1 hat sich eine Bewegung entwickelt, die fähig ist die Gerberstraße 1 zu tragen und für das Projekt Entscheidungen zu treffen. Auch wenn es dahingehend immer Konflikte gab, gelten hier antisexistische Mindeststandards. Hier gab es immer wieder Veranstaltungen, in denen Sexismus und Geschlechterverhältnisse diskutiert wurden. Unter Anderem sind die „Queerschnitt – Free Your Gender Days“, welche bis jetzt zwei mal stattfanden, Teil der Gerberstraße 1. Darüber hinaus gingen von der Gerberstraße 1 zahlreiche Projekte und Aktivitäten zu unterschiedlichsten Themen aus, wie etwa das „Weimarer Aktionskomitee 11.000 Kinder“, ein Projekt zu widerständigen Jugendbewegungen im Nationalsozialismus, Austauschfahrten in verschiedene Länder, ein Infoladen, regelmäßige Filmabende und Diskussionen, Essen und Getränke zu günstigen Preisen u.v.m. Die Leute aus der Gerber 1 haben darüber hinaus auch immer Räume in der Gerberstraße 3 benutzt, etwa den Multiraum oder das Büro.

Die Wunderbar

Die Kneipe in der Gerberstraße 3 (die Wunderbar) hat sich in den letzten Jahren zu einem nahezu unpolitischen Raum entwickelt. Das Klima in der Wunderbar wurde von vielen Menschen als sexistisch und prollig wahrgenommen. Versuche aus der Gerber 1, dieses Problem zu thematisieren wurden abgeblockt und lächerlich gemacht. Dennoch benutzten auch Personen aus dem Gerber-1-Umfeld die Wunderbar als Treffpunkt.

Die Vorfälle

Der Täter überschritt in den Räumen der Gerberstraße mehrmals die Grenzen mehrerer junger Frauen. Es handelte sich dabei um psychische und physische Übergriffe. Für die Betroffenen bedeutete dies, dass sie aus Angst vor dem Täter nicht mehr in die Gerberstraße kommen wollten. Sie wandten sich deshalb an mehrere Vertrauenspersonen, die daraufhin eine Unterstützer_innengruppe (im Folgenden U-Gruppe) bildeten.

Diese Unterstützer_innengruppe traf sich nun am 26.10. zunächst allein mit dem Täter, um ihm die Möglichkeit zu geben, die Sicht der Betroffenen zu verstehen und auf ihre Forderungen einzugehen. Dem Täter wurde nahegelegt bis zum 16. November aus der Gerberstraße auszuziehen. Dass sich die U-Gruppe zunächst nicht an die Öffentlichkeit wandte, sondern allein mit dem Täter reden sollte, wurde von den Betroffenen, auch zu ihrem Schutz, gewünscht . Die U-Gruppe fürchtete von Anfang an, dass sich die Stimmung in der Gerberstraße zu Ungunsten der Betroffenen entwickeln könnte. Gerade die anfängliche Vermeidung der Öffentlichkeit einer schwatzenden, tratschenden Kleinstadt, sollte später zu einem der Hauptvorwürfe gegen die U-Gruppe werden.

Nach dem Gespräch mit dem Täter, redete dieser mit Vertrauten über die Vorfälle und über die Vorwürfe gegen ihn. Diese Vertrauten scherten sich nicht um die Sensibilität dieses Themas, sondern verbreiteten empört die Vorwürfe und die Sichtweise des Täters und mobilisierten kurzfristig zu einem außerordentlich einberufenen Mittwochsplenum am 29.10.. Das Verhalten der Vertrauten des Täters, war der Auslöser dafür, dass die Vorfälle zum Hauptgesprächsthema in Weimars Szenekneipen wurde. Der Täter hielt sie nicht davon ab.

Innerhalb der drei Tage, in denen die Freunde des Täters zu dem Mittwochsplenum mobilisierten, wurden die Vorwürfe und die Sicht des Täters über Thüringen hinaus bekannt gemacht. Am Dienstag den 28.10. erreichte die Organisator_innen der „Queerschnitt – Free Your Gender Days“ die Nachicht eines DJ’s, die sie zum Queerschnitt eingeladen hatten. Sie sagte ihren Auftritt aus Solidarität mit dem Täter kurzfristig ab.

Am besagten Mittwoch, den 29.10., versammelten sich unzählige Leute zum Mittwochsplenum in der Gerberstraße 3. Auffällig war dabei, dass nun ein großer Teil der Anwesenden, Menschen waren, die seit Jahren auf keinem der Plena in der Gerberstraße erschienen waren oder überhaupt Berührungspunkte zum Alltag der Gerberstraße (unabhängig vom Kneipenleben) haben. Die Vertrauten des Täters hatten gut mobilisiert.

Die U-Gruppe hatte ihrerseits auf die Veröffentlichung der Vorfälle durch das Täter-Umfeld reagiert und ein Positionspapier geschrieben, welches sie auf dem Mittwochsplenum verteilte. In diesem Positionspapier erklärte sie die Lage der Betroffenen und beschrieb das Prinzip der Definitionsmacht, nach dem sie handelt: Allein die Betroffenen haben das Recht die ihnen angetane Grenzüberschreitung zu definieren, die Betroffenen wollen anonym bleiben und es sollen keine Details genannt werden. Außerdem stellte die U-Gruppe in diesem Positionspapier nun öffentlich, im Namen der Betroffenen, die Forderung, dass der Täter aus der Gerberstraße ausziehen soll. Nachdem das Positionspapier verteilt worden war, sich die U-Gruppe vorgestellt hatte und den Raum für mögliche Fragen öffnen wollte, befanden sich die Unterstützer_innen von Anfang an unter einem Rechtfertigungsdruck. Es wurden Details und objektive Maßstäbe zur Bewertung von sexuellen Übergriffen gefordert, die U-Gruppe wurde als Inquisition bezeichnet, ihr wurde Machtmissbrauch vorgeworfen, es wurde vorgeworfen eine Herangehensweise zu benutzen, die so niemals in der Gerber akzeptiert worden wäre und die Übergriffe an sich wurden in Frage gestellt. Von Anfang an versuchten sich Leute mit Hilfe von Hierarchien (etwa Vorstandsmitgliedschaft, Alter, Erfahrung) zu legitimieren und sich damit das Recht zu nehmen über die Betroffenen hinweg zu entscheiden. Dabei kam es auch bei diesem ersten Plenum zu Drohungen, vor allem gegenüber jüngeren Menschen. Es hatte sich auf dem Plenum eine Gruppe von jüngeren Menschen gebildet, die aus dem Umfeld der Gerberstraße 1 kommen, welche die U-Gruppe unterstützten und das Prinzip der Definitionsmacht verteidigten.

Gerade in der Gerberstraße 1 beschäftigen sich seit Jahren junge Menschen mit Sexismus und Geschlechterverhältnissen. Dabei wurde auch immer wieder über Definitionsmacht und antisexistische Praxis diskutiert. Diese jungen Menschen waren es, die auch schon vor den Übergriffen mehrmals versucht hatten, diese Diskussion in die Gerberstraße 3 zu tragen und welche die mangelnde Auseinandersetzung mit diesen Themen kritisiert hatten. Diese Interventionsversuche wurden seitens des Barplenums oder seitens einzelner Menschen immer wieder abgeblockt und die Beschäftigung mit diesen Themengebieten wurde lächerlich gemacht.

Das Mittwochsplenum am 29.10. entwickelte sich dahingehend, dass ein großer Teil der Anwesenden, der U-Gruppe die Glaubwürdigkeit absprach. Als Alternativ-Vorschlag wurde die Erstellung einer Vermittler_innengruppe gemacht: Die Anwesenden sollten per Abstimmung „Vertrauenspersonen“ festlegen, denen die U-Gruppe Details über die Vorfälle nennen sollten. Diese Personen, denen das Plenum vertraut, sollten dann auf dem nächsten Plenum ihre Entscheidungen kundtun, ob die Vorfälle schwerwiegend genug seien, damit ein Ausschluss des Täters gerechtfertigt sei. Die U-Gruppe sagte von Anfang an, dass sie diesen Vorschlag nicht gut findet, da es doch eine Weitergabe von Details sei und da die Betroffenen sich bewusst an die Personen ihres Vertrauens gewandt hatten. Sie sagten jedoch auf diesem Plenum, dass sie diesen Vorschlag an die Betroffenen weitergeben würden und dass die Entscheidung darüber bei den Betroffenen liegt. Daraufhin ging das Plenum am 29.10. auseinander – nächster Termin sollte der 05.11. sein.

In der dazwischenliegenden Woche kam es zu einem Vorfall, der klar machte, wie die Stimmung im Umfeld in der Gerberstraße 3 gegenüber der U-Gruppe ist: Ein Mitglied der U-Gruppe wurde aus der Wunderbar „gegangen“. Einen Zusammenhang zwischen der Diskussion um die Übergriffe und dem Rausschmiss wurde auf einem der nächsten Plena als „spekulativ“ bezeichnet. Außerdem kam es zu Versuchen, die U-Gruppe zu spalten. In mehreren persönlichen Gesprächen wurde zwei Mitgliedern der U-Gruppe nahegelegt, doch die Fronten zu wechseln. Außerdem wurde über einen anonymen Mail-Account ein Statement an mehrere Personen geschickt, in dem die U-Gruppe für die Gerüchte in Weimar verantwortlich gemacht wurde, ihr der Versuch der Spaltung des Projektes unterstellt und wieder Details verlangt wurden.

Auf dem Montagsplenum der Gerberstraße 1 am 03.11.
wurde beschlossen, dass für den Fall, dass sich Gerber 1 und Gerber 3 voneinander trennen1 würden, sich das Montagsplenum als Hausplenum der Gerberstraße 1 legitimiert und nicht mehr an das Mittwochsplenum gebunden ist. Die Entwicklung, dass das Montagsplenum unabhängig vom Mittwochsplenum wurde und über die Belange des Gerber 1 e.V. entscheidet, hatte es jedoch schon vorher gegeben.
Zusätzlich wurde am 03.11. ein Hausverbot für den Täter in der Gerber 1 beschlossen. Dies war auf dem vorangegangenen Mittwochsplenum bereits angekündigt worden. Ein weiterer Beschluss war es, dass für das nächste Mittwochsplenum ein_e außenstehende_r Moderator_in organisiert werden sollte, um eine Diskussion über eine Lösung des Problems möglich zu machen. Dies wurde der U-Gruppe am 05.11. zum Vorwurf gemacht: Es handele sich um eine Konspiration; es würden Entschlüsse über das gemeinsame Plenum hinweg gefällt.

Als sich das Plenum am 05.11. wieder zusammenfand, musste zunächst der Raum gewechselt werden: Es waren so viele Schaulustige gekommen, dass die Kapizitäten des Multiraumes nicht ausreichten. Zu Beginn des Plenums wurde ein Statement der Antifagruppe Weimar zu den Übergriffen, in dem sich die Gruppe mit den Betroffenen und mit der U-Gruppe solidarisierte und ein erneutes Positionspapier der U-Gruppe verteilt, in dem sie begründete, warum die Betroffenen den Vorschlag einer Vermitller_innengruppe ablehnen. Daraufhin war die U-Gruppe erneut Ziel von Angriffen und Beschuldigungen. Der U-Gruppe wurde vorgeworfen, sie würde nicht auf Vorschläge eingehen, würde nicht kompromissbereit sein, würde sich zu Richter und Henker in einer Person machen, würde die Betroffenen in ihrem Sinn beeinflussen, würde sich bemächtigen, sie würde den Täter aus den Zusammenhängen „rausmobben“ wollen. Obwohl die U-Gruppe gesagt hatte, dass die Entscheidung über den Vorschlag einer Vermittler_innengruppe bei den Betroffenen liegt, wurde sie beschuldigt, den angeblichen Plenums-Beschluss zur Einrichtung einer Vermittler_innengruppe übergangen zu haben.

Wieder solidarisierten sich mehrere Personen aus dem Umfeld der Gerber 1 mit der U-Gruppe und mit den Betroffenen und argumentierte gegen den Personenkreis, welcher den Täter offensichtlich in den Zusammenhängen behalten möchte. An dieser Stelle wurde zum ersten Mal indirekt die Drohung ausgesprochen, das Montagsplenum der Gerber 1 zu delegitimieren: Es gäbe kein Gerber-1 Plenum und einzig das Mittwochsplenum sei dazu befugt über die Belange des Vereins Gerberstraße 1 e.V. zu entscheiden. Darüber hinaus wurde des öfteren ein Unbehagen gegenüber der politischen Entwicklung in der Gerber 1 geäußert: In der Gerber 1 seien intolerante, autoritäre, dogmatische Ideologien am Werkeln. Genauer beschrieben wurden diese Ideologien nicht, es ist jedoch offensichtlich, dass es sich dabei um die Auseinandersetzung mit Sexismus und um die Antifagruppe Weimar handeln soll.

Auf dem Plenum am 05.11. gab es wieder Drohungen, teilweise wurden Gegenargumente mit Stimmgewalt niedergeredet. Das Plenum drehte sich lange Zeit im Kreis und es wurde vor Allem zu einer Grundsatzdebatte über Sexismus und Definitionsmacht. Dabei wurde von einem großen Teil der Anwesenden gefordert, die Übergriffe zu entpolitisieren und die Vorfälle unabhängig von einer Debatte über Definitionsmacht und Sexismus zu betrachten. Gegenargumente, dass Sexismus ein gesellschaftliches Verhältnis sei, dass alle Menschen in dieser Gesellschaft Sexismen verinnerlicht haben und dass es deswegen sehr wohl eine politische Frage sei, ob der Täter ausgeschlossen wird oder nicht, wurde von einem großen Teil der Anwesenden verlacht.

Zum ersten mal wurde eine Person der U-Gruppe aufgrund der Tatsache angegriffen, dass sie aus den alten Bundesländern kommt, dass sie daher „Spaltungen“ schon kenne und eine solche „Spaltung“ innerhalb der Gerberstraße forcieren wolle.

Diejenigen Leute, die seit Jahren kaum am politischen und sozialen Alltag der Gerberstraße beteiligt sind, stellten immer wieder in den Vordergrund, dass sie der U-Gruppe nicht vertrauen würden. Daran, dass der Täter gegenüber den Betroffenen und gegenüber seinen politischen und sozialen Zusammenhängen Vertrauen gebrochen haben könnte, wurde kein Gedanke verloren. Es wurden wieder objektive Maßstäben und Details gefordert, um dem Plenum die Möglichkeit zu geben, objektiv über die Vorfälle entscheiden zu können. Dabei wurde unter Anderem Betroffenen von sexuellen Übergriffe generell die Fähigkeit abgesprochen, bewusste Entscheidungen treffen zu können; dass es ihnen in einer solchen Situation nicht um den Erhalt ihrer Freiräume gehen könne. Mehrmals wurde vorgeschlagen, dass die U-Gruppe die Betroffenen im Sinne des Plenums beeinflussen solle und dass sie sich eine psychotherapeutische Beratung suchen sollten.

Zusätzlich gab es unsägliche Beschimpfungen und Gleichsetzungen: Die Mitglieder der U-Gruppe seien „Faschisten“ und wenn die Forderungen der Betroffenen als politische Forderungen gedeutet werden, würde man die Betroffenen instrumentalisieren und das sei ähnlich wie wenn Neonazis Todesstrafe für Kinderschänder fordern würden.

Gegen Ende wurden wieder ausdrücklich Drohungen gegen ein Mitglied der U-Gruppe ausgesprochen.

Schließlich ging das Mittwochsplenum wieder mit einem Vorschlag an die Betroffenen auseinander: Die Betroffenen sollten sich eine neue Unterstützer_innegruppe suchen, am besten mit Personen die nicht in Verbindung zu den Projekten der Gerberstraße stehen. Auf dem nächsten Plenum sollte diese neue U-Gruppe sich vorstellen und das Plenum solle darüber entscheiden, ob man mit dieser neuen U-Gruppe weiter ‚verhandeln‘ könne. Die U-Gruppe betonte, dass dieser Vorschlag aberwitzig sei, da er die Betroffenen entmündigt und ihre Entscheidungen (für eine U-Gruppe) in Frage stellte. Aber auch dieser neue Vorschlag solle an die Betroffenen weitergegeben und nach ihrer Entscheidung gefragt werden. Dies wurde auch deshalb betont, da die Forderungen der U-Gruppe als Forderungen der Personen der U-Gruppe und nicht als Forderung der Betroffenen wahrgenommen wurden.

Nächster Termin war der 12.11..

Zu Beginn des dritten Plenums zu den Vorfällen, teilte die U-Gruppe den Anwesenden mit, dass die Betroffenen es abgelehnt haben, sich eine neue U-Gruppe zu suchen. Die Reaktionen darauf waren ähnlich wie beim Plenum vom 05.11.. Die U-Gruppe wurde beschimpft, ihr wurden Unterstellungen gemacht und ihr wurde die „Kompetenz“ abgesprochen. Im ersten Teil des Plenums wurde dann wieder über Grundsätze diskutiert.

Aus der Seite der Gerber 1 wurde dann gesagt, dass man endlich darüber nachdenken solle ob die Trennung eine mögliche Option sei und wenn ja, wie man eine solche Trennung vollziehen könne, damit es für alle Beteiligten am Besten wäre. Die Reaktion darauf war wutentbranntes Geschrei und einige „Genoss_innen“ waren so sehr geschockt, dass das Plenum eine Pause machen musste.

Nach dieser Pause drängte die Moderation darauf, dass die gegenüberstehenden Parteien endlich über den Umgang mit dem Fall reden sollte. Daraufhin forderte die U-Gruppe, dass darüber abgestimmt werden sollte, ob der Täter ein Hausverbot bekommt oder nicht, da die Betroffenen eine Entscheidung erwarten und klare Verhältnisse brauchen. Da die Reaktionen darauf wieder wütend waren, wurde dann darüber abgestimmt ob darüber abgestimmt werden soll, ob der Täter bleibt oder nicht. Bemerkenswert ist, dass es vor der Abstimmung einen Anquatschversuch gab. Einer Person aus der Gerber 1 wurde nahegelegt nicht an der Abstimmung teilzunehmen, da sie ein „Wackelkandidat“ sei. Die Mehrheit der Anwesenden sprach sich gegen eine Abstimmung aus – Begründung: Mangelndes Detailwissen.

Damit ging das dritte Plenum ohne Entscheidung auseinander. Von mehreren Seiten wurde gesagt, dass die einzelnen Gruppen und Personen nun selbst ihre Konsequenzen aus der Diskussion ziehen müssen. Für uns bedeutete dies, dass das Mittwochsplenum nicht mehr beschlussfähig ist. Als Letztes wurde vereinbart, dass am kommenden Mittwoch, den 19.11. kein Mittwochsplenum stattfinden wird.

In den darauf folgenden Tagen
wurde das Passwort des Email-Accounts der Gerberstraße 3 geändert. Eine Person der U-Gruppe hatte diesen Account seit Jahren alleine benutzt und sich um die Verwaltung der Mails gekümmert. Nun war ihr der Zugang zu den Mails verwehrt. Wer das Passwort für den Mail-Account nun besitzt ist bis jetzt nicht bekannt. Dies stellt eine Einschränkung der persönlichen und politischen Aktivitäten dar.

Am nächsten Montag, am 17.11. kamen mehrere Menschen, die sich für den Täter ausgesprochen hatten, zum Montagsplenum der Gerber 1. Sie beteiligten sich zunächst nicht am Plenum. Nach dem die Tagesordnung abgearbeitet war, entstand jedoch eine Diskussion über die Beziehung der Gerber 1 zur Gerber 3, über Plenastrukturen und die Zukunft der Gerberstraße. Wichtig war dabei unter Anderem die Frage, ob das Montagsplenum dem Mittwochsplenum unterliegt.

Bereits vor dem Montagsplenum waren mehrere Aushänge aufgetaucht, die erneut zu einem Mittwochsplenum, am 19.11. aufriefen.
Thema: Fortbestehen und Zukunft der Gerberstraße.

Auf diesem Plenum gab es keine neutrale Moderation und dementsprechend wüst wurde die Diskussion geführt. Da mehrmals persönliche Angriffe gefahren wurden, verließen recht bald mehrere Personen aus der Gerberstraße 1 den Raum. Im Verlauf des Plenums entschieden sich immer mehr Menschen aus dem Umfeld der Gerber 1 zu gehen – ebenso zwei Mitglieder der U-Gruppe. Daraufhin wurden sie wegen „mangelnder Standhaftigkeit“ diffamiert.

Wenige hatten jedoch geahnt, dass die Entscheidungen, die auf diesem Plenum gefällt werden würden, geplant und abgesprochene Sache waren. Im Verlauf des Abends drängten einige der Personen, die sich gegen die U-Gruppe ausgesprochen hatten, immer wieder auf eine Abstimmung gegen die beiden U-Guppen Mitglieder und ihre Sozialarbeiterstellen.

Während der Diskussion wurden angebliche (!) Details zu den Übergriffen genannt und verharmlost. „Balzverhalten“ sei üblich in einem Jugendclub wie der Gerberstraße.

Die Beschlüsse für die „Zukunft der Gerberstraße“ fielen folgendermaßen aus: Die zwei Mitglieder der U-Gruppe, die bis zu diesem Zeitpunkt in der Gerberstraße wohnten, wurden allen „Ämtern“ (Sozialarbeiterstellen) enthoben und ihnen wird der Zugang zu sämtlicher Infrastruktur der Gerberstraße entzogen. Die Vereinsvorstände der Gerberstrasse 3 erwirkten, unabhängig von eventuellen Plenumsbeschlüssen, den Auszug der Beiden. Einem anderen Mitglied der U-Gruppe, die sich im Vorstand des Gerberstraße 1 e.V. befindet, wurde nahe gelegt aus dem Vorstand zurückzutreten. Es wurde dem WG-Plenum nahe gelegt, den Entschluss über die Auszüge zu bestätigen, wenn dies nicht der Fall sei, würde die WG aufgelöst. Ebenso sollen diese Entscheidungen vom Montagsplenum der Gerberstraße 1 bestätigt werden, andernfalls hätte das Montagsplenum keine Geltung. Dies wurde mit einem angeblichen „Notstand“ und dem Satz begründet: „Wenn ein Baby gegen die Wand rennt, muss man es davon abhalten.“ Mit dem Baby ist die Gerberstraße 1 gemeint. Diese Beschlüsse wurden mit einer 3/4 Mehrheit (28 zu 10) beschlossen, wohlgemerkt von einer Mehrheit, die sich seit Jahren nicht am Alltag der Gerberstraße (außerhalb des Kneipenlebens) beteiligt.

Diesen Beschlüssen wurde nach dem Plenum ein praktischer Nachdruck verliehen: Die Schlösser des Büros und des Multiraums wurden mit bereitliegenden neuen Schlössern ausgetauscht. Wer die Schlüssel nun besitzt ist uns nicht bekannt.

Im Nachgang wurde bekannt, dass sich die Gegner der U-Gruppe zu Gesprächen in verschiedenen anderen Kneipen zu Absprachen zusammengekommen waren. Dies lässt den Schluss zu, dass das Stattfinden und das Ergebnis der Abstimmung abgesprochen waren. Das prompte Austauschen der Schlösser unterstreicht diese Vermutung. Zudem war auffällig, dass das Diskussionsverhalten und Engagement der Jugendlichen aus der Gerberstrasse 1 auf diesem letzten Plenum ausdrücklich gelobt, im selben Zusammenhang aber keines ihrer Argumente ernst genommen wurde. Bei diesem letzten Plenum traten die U-Gruppengegner als homogene Gruppe auf.

Am nächsten Tag
waren an den Türen der zwei Mitglieder der U-Gruppe, die bis dahin in der Gerber gewohnt hatten ein Zettel mit folgender Nachricht befestigt:

Weimar, den 19.11.2008

Betrifft: Ausschluss aus dem Projekt „Gerberstraße 3“

Hallo xxxxxxx, Hallo xxxxxx!

Mit Vorstandsbeschluss vom 19.11.2008, seid ihr wegen massiver Missachtung der Satzung (§2.2) und wegen mehrfachen Verstoßens gegen die Ideale des Vereins, aus dem Verein ausgeschlossen und habt mit einer Frist von 3 Wochen (Stichtag 10.12.2008) die von euch bewohnten Zimmer im Haus zu räumen. Außerdem werden euch vorübergehend sämtliche Zugänge zu Infrastruktur des Vereins (Internet, Rechner, Telefon, Büroräumlichkeiten) verweigert. Bei Nichteinhaltung der Frist werden Maßnahmen zu eurem Auszug ergriffen.

Unterschriften der Vereinsvorstände, Stempel des Vereins Gerberstraße 3 e.V.

Außerdem wird eine Untersschrift „Zur Kenntnis genommen“ verlangt.

Am selben Tag stellten Besucher_innen der Gerberstraße 1 fest, dass die Heizung der G1 nicht mehr funktionierte – die Regulierung dieser Heizung läuft über die Gerberstraße 3.
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Uns fehlen die Worte für so viel Scheiße. Dass statt einem Täter, die Unterstützer_innengruppe der Betroffenen (und somit die Betroffenen selbst) aus einem Projekt ausgeschlossen werden, das sich als links versteht, geht nicht in unseren Kopf. Der U-Gruppe wurde immer wieder Machtmissbrauch vorgeworfen – nun haben mehrere Menschen, die offensichtlich nichts von Antisexismus halten, Vereinsstrukturen, die bisher immer eine Formalie waren, benutzt um diejenigen auszuschließen, die antisexistische Forderungen stellen. Obendrein wurde Menschen, die eine unbequeme Kritik formulieren, übergangen und ihnen wurde die Entschlussfähigkeit abgesprochen. Die Diskussion ist nun auf einer rechtlichen, rechtsstaatlichen Ebene angelangt. Dies hätten wir uns nie auch nur im Traum so ausgemalt. Wir sind geschockt, wütend und traurig.

Eins jedoch steht für uns fest: Das Vereinsplenum (Mittwochsplenum) der Gerberstraßen-Vereine hat für uns keine Geltung und wir lehnen die Beschlüsse ab. Wir solidarisieren uns weiterhin mit den Betroffenen und mit der U-Gruppe und wir werden um die Räume in der Gerberstraße 1 kämpfen.

Mit dieser Veröffentlichung der Abläufe einer unsäglichen Verkehrung (Betroffene müssen gehen), erhoffen wir uns Solidarität aus anderen Zusammenhängen und hoffen, dass auf diejenigen, die sich hinter den Täter gestellt haben, ein öffentlicher Druck ausgeübt wird. Diese Zustände sind nicht hinzunehmen.

Für die Definitionsmacht kämpfen!

Einige Menschen aus der Gerberstraße 1.

  1. Wir benutzen bewusst nicht den Begriff der „Spaltung“. Eine Spaltung impliziert, dass eine Kraft von außen auf etwas einwirkt, was dann eine Gruppe oder eine Gemeinschaft spaltet, ähnlich wie wenn eine Axt ein Stück Holz spaltet. Wer von einer Spaltung redet, der projiziert die Ursachen dafür in den meisten Fällen auf Personen, die von außen kommen oder „die sowieso nie richtig dazu gehörten“ (in diesem Fall wurde auf „die Wessis“ geschimpft). Die Rede von einer Spaltung impliziert die Verweigerung, über komplizierte und widersprüchliche Entwicklungen innerhalb des eigenen Gefüges nachzudenken und sucht die Schuld nie bei sich selbst. Im Folgenden werden wir den Begriff der Trennung benutzen: Ein Prozess der in linken Gruppen immer wieder vollzogen wurde, gerade weil die Linke keine homogene Masse ist. [zurück]