Statement der Weimarer Antifagruppe [AAW] zu den sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt in der Gerberstraße

05.11.2008

In den vergangenen Monaten gingen von einem Bewohner der Gerber-WG in der Gerberstraße mehrere sexuelle Übergriffe aus – Betroffene sind mehrere junge Frauen. Es hat sich eine Unterstützer_innengruppe gebildet, welche die Forderungen der Betroffenen vertritt. Diese Unterstützer_innengruppe hat dem Täter die Möglichkeit gegeben sein Verhalten zu reflektieren und aus der Gerberstraße auszuziehen. Er willigte ein auszuziehen, dies jedoch nicht aus der Einsicht heraus, dass er Grenzen überschritten hat. Nachdem vertraute Personen des Täters die Vorwürfe und die Sicht des Täters öffentlich gemacht haben, trat am vergangenen Mittwoch auf dem Vereinsplenum der Gerberstraße die Unterstützer_innengruppe an die Öffentlichkeit und forderte ein Hausverbot für xxxx.

Wir sind wütend und traurig, dass in der Gerberstraße, als deren Teil wir uns verstehen, sexualisierte Gewalt geschieht und anscheinend von vielen geduldet wird. Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen und mit der Untersützer_innengruppe und stellen uns voll hinter deren Forderungen.
Aufgrund der Reaktionen auf dem letzten Vereinsplenum am vergangenen Mittwoch erachten wir es nun als notwendig selbst ein Statement zu veröffentlichen und wollen damit die Diskussion voranbringen.

Das Prinzip der Definitionsmacht wurde auf dem Vereinsplenum am vergangenen Mittwoch von einem großen Teil der Anwesenden abgelehnt. Als ein Grund wurde unter Anderem genannt, dass Macht etwas negatives sei und dass deshalb Betroffene und U-Gruppe sich auch keine Macht aneignen dürften. Diese Position kommt in unseren Augen einer bürgerlichen Argumentation recht nahe, die einer radikalen Linken Gewalttätigkeit unterstellt und selbst täglich ein Gewaltverhältnis aufrecht erhält. Diese Argumentation ist außerdem eine Verspottung der Betroffenen und ignoriert die eigene Verstrickung in Machtverhältnisse.

Wenn es in einer Gesellschaft oder in einer Gruppe hierarchische Machtstrukturen gibt, dann muss eine Bewegung, die ein herrschaftsfreies Zusammenleben anstrebt, auf diese Strukturen reagieren. In politischen Kämpfen bedeutet dies, dass eine Gegenmacht aufgebaut werden muss, die eigene Interessen und Utopien gegen eine Übermacht verteidigt. Das Prinzip der Gegenmacht wird in der Linken seit jeher praktiziert. Nicht zuletzt ist die Gerberstraße eine Gegenmacht in einem „sanierten Kulturstadtzoo“.

Sei es bei Hausbesetzungen oder bei Aktionen gegen Nazis – diese Aktionsformen sind in der radikalen Linken anerkannt und niemand würde auf die Idee kommen, sie als „autoritäre Maßnahmen“ zu verurteilen, wie es am vergangenen Mittwoch der Definitionsmacht entgegengehalten wurde.

In der Geschichte hat sich die Linke oft einer „höheren Sache“ verschrieben, sei es das Voranschreiten der Arbeiterklasse oder die Beseitigung eines Hauptwiderspruchs. Gegenüber dieser „höheren Sache“ wurden individuelle Bedürfnisse oft übergangen und dies bedeutete unter Anderem, dass eine männerdominierte Bewegung sexistische Verhältnisse reproduziert und die Bedürfnisse von Betroffenen sexualisierter Gewalt ignoriert hat. Wenn nun antisexistische Gruppen das Prinzip der Definitionsmacht verteidigen, dann bedeutet dies, dass sie eine Gegenmacht aufbauen. Diesem Handeln liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich niemand unabhängig von gesellschaftlichen Machtverhältnissen bewegen kann und dass jeder Mensch, der sich in einer sexistischen Gesellschaft bewegt, diese Verhältnisse verinnerlicht hat. Definitionsmacht bedeutet also nicht nur Schutz von Betroffenen, sondern auch sich selbst aus dem Fokus der Kritik nicht herauszunehmen.

Die Reaktionen in der Gerberstraße auf die Forderungen der Unterstützer_innengruppe zeugen nun davon, dass es weder Bereitschaft gibt, sich selbst und die eigenen Handlungsweisen zu hinterfragen („wie soll ich denn ein Sexist sein?“), noch Macht abzugeben. Denn dies bedeutet Definitionsmacht – Macht an Betroffene sexualisierter Gewalt, die sich in einer Ohnmachtssituation befinden, abzugeben.

Uns erscheint es zudem lächerlich, dass Definitionsmacht als Macht abgelehnt wird, während gerade in der Diskussion um den Ausschluss von xxxx, vorhandene Machtverhältnisse gegen die Unterstützer_innengruppe und die Forderungen der Betroffenen ausgespielt werden. Leute, die sich als Vereinsvorstände wichtig machen, das eigene langjährige Engagement in der Gerberstraße als Legitimation benutzen, Mitglieder der U-Gruppe diffamieren oder jüngere Menschen bedrohen (so geschehen auf dem letzten Vereinsplenum), sind diejenigen, die Machtverhältnisse missbrauchen.

Aber damit nicht genug – in der Argumentation gegen die Forderungen der Betroffenen wurden außerdem Machtverhältnisse vollkommen verdreht dargestellt, was sich beispielsweise in der Rede vom „betroffenen Beschuldigten“ zeigt. Hier wird der Täter als Opfer stilisiert, während das Erlebte der tatsächlich Betroffenen heruntergespielt wird. Der vorgebrachte Vorschlag, nicht von einem Täter, sondern von einem „Beschuldigten“ zu reden, zeugt zusätzlich davon, dass den Betroffenen im Vorhinein kein Glaube geschenkt wird. Hier sehen wir ein weiteres vorherrschendes Machtverhältnis reproduziert, welches sich in dem Grundsatz des bürgerlichen Rechts – „Im Zweifelsfalle zu Gunsten des Angeklagten“ manifestiert.

Ebenso verkehrt finden wir es, dass der Unterstützer_innengruppe vorgeworfen wird, sie würde eine Herangehensweise an den Tag legen, die sie selbst festgelegt hätte und die vorher nie diskutiert worden wäre. Unabhängig davon, dass Definitionsmacht zurecht bewusst und parteiisch etwas festlegt und neue Voraussetzungen schafft, ist die Behauptung, dass eine Diskussion im Vorfeld nicht statt gefunden hätte, schlicht und einfach nicht wahr. Seit mehreren Jahren gibt es (zumindest in der Gerberstraße 1) eine Auseinandersetzung mit Sexismus und dem Umgang mit sexualisierter Gewalt. Dabei wurde auch über Definitionsmacht diskutiert. Diese Diskussion wurde aber von einem Teil der Gerberstraße nicht nur ignoriert, sondern sogar abgelehnt. Während es in der Gerberstraße 1 immer wieder Veranstaltungen und Diskussionen über Geschlechterverhältnisse und Sexualität gegeben hat, bestand in der Gerberstraße 3 die Auseinandersetzung mit diesen Themen allein in der Zurückweisung der Diskussion. Dies erachten wir als einen Grund, warum in der Kneipe der Gerber 3 ein Raum entstehen konnte, in dem es ein sexistisches und prolliges Grundklima gibt, in dem nicht sensibel reagiert werden kann und in dem sexuelle Gewalt erst möglich wird.

Unter den aktuellen Umständen fragen wir uns als Antifagruppe, ob wir uns nun nicht selbst den Vorwurf machen müssen, dass wir dies hingenommen haben. Denn die Konfrontation, die nun stattfindet, findet zu spät und vor Allem auf dem Rücken der Betroffenen statt.

Dass wir diejenigen sind, die die Diskussion im Vorfeld geführt haben, stellt uns keinen Persilschein aus und rückt uns nicht aus dem Fokus einer generellen Kritik. Gerade deshalb sind wir in der Auseinandersetzung, die gerade stattfindet, parteiisch. Wir stellen uns klar auf die Seite der Betroffenen und der U-Gruppe.

Dabei stellen wir folgende Forderungen:

* xxxx muss aus der Gerber ausziehen und Hausverbot bekommen, damit die Betroffenen sich in der Gerber wieder wohlfühlen können

* Die Betroffenen müssen das Erlebte nicht beweisen

* Die Anonymität, die sich die Betroffenen wünschen, muss bewahrt werden

* Die Diskussion über Sexismus und Geschlechterverhältnisse muss in beiden Häusern geführt werden

* Am Klima in der Gerberstraße 3 muss grundlegend etwas verändert werden