Besetzer_innen Besetzen Besitzer! Eine Antwort.

Dieser Text ist eine Antwort auf den Text „Besetzer Besetzen Besetzer?“ auf dem Blog gerberstraße.net

Dass wir zur Zeit von einer „Besetzung der Gerberstraße 1″ reden, ist keine Kritik daran, dass die Gerberstraße 1 im Jahr 2000 gekauft wurde. Dies war ein Schritt, den ich auch heute noch alsrichtig erachte. Die Gründung eines Vereins ist ein Schritt, den man sich als Mensch oder Gruppe mit emanzipatorischen Anspruch gut überlegen sollte — aber auch dies ist nicht Gegenstand unserer Kritik, wenn wir gerade von einer Neubesetzung sprechen. Das Problem, dass sich gerade zeigt, ist dass der Verein Gerber 1 e.V. nicht mit seinen Nutzer_innen gewachsen ist. Während es einen personellen Wechsel in der Gerberstraße 1 gegeben hat, sind die Vereinsstrukturen, inklusive der Besetzung des Vorstandes und der eingetragenen Vereinsmitglieder, gleich geblieben. Die Vereinsstruktur aufzufrischen bzw. ihn mit den Nutzer_innen der Gerberstraße wachsen zu lassen – dieses Versäumnis kann man beiden vorwerfen: Den derzeitigen Nutzer_innen und dem alten Vorstand und Vereinsmitgliedern. Es ist aber auch in gewisser Weise verständlich: Die in ihrer Natur hierarchischen Vereinsstrukturen haben in der Gerberstraße 1 nie eine Rolle gespielt. Sie hatten nie eine Auswirkung auf den Alltag in der Gerberstraße 1 – zumindest nicht seit 2003 – das Jahr in dem die Gerberstraße 1 neu eröffnet wurde und ich diese Räume zum ersten mal betreten habe. Sie hatten nie eine Auswirkung auf den Alltag – bis zur Sexismusdebatte.

Dass die Vereinsstrukturen sich nicht mit den Nutzer_innen erneuert haben, daraus wird nun eine Waffe, die ihr – der Vereinsvorstand, die Vereinsmitglieder und die Leute aus der Gerberstraße 3 — nutzt. Ihr nutzt diese Struktur, um uns Jugendliche zu entmündigen und zu entmachten. Ihr lasst uns keine Entscheidung über das Haus treffen, ihr lasst uns keine Entscheidung darüber, wie wir ein Miteinander gestalten wollen, ihr lasst uns keine Entscheidung über die vorhandenen Ressourcen, keine Entscheidung über Mindeststandards.

Nun kommt ihr (M+M) und erzählt etwas davon, dass immer viel diskutiert worden ist. Die Behauptung, dass nun wir, eine kleine Gruppe, daherkommen und das Diskutieren verbieten wollen und willkürlich Leute ausschließen, die eine andere Meinung haben, ist absurd. Es ist deswegen absurd, weil wir seit mehreren Jahren in den Räumen der Gerberstraße 1 diskutiert haben: Über Mindeststandards, über den Umgang miteinander, über Theorie und Praxis, über die Gestaltung unserer Räume, über die Öffentlichkeitsarbeit und über vieles mehr. Es ist deswegen absurd, weil ihr bei diesen Diskussionen nicht dabei gewesen seit. Es ist deswegen absurd, weil wir über das Thema Sexismus bereits vorher mit euch diskutieren wollten: Unsere Intervention in die Wunderbar und den Vorschlag einen Zettel dort anzubringen, dass sich Betroffene (u.a. sexualisierter Gewalt) beim Bardienst Hilfe holen können, ein Vorschlag der nicht ernst genommen und lächerlich gemacht wurde, das ist nur ein Beispiel für Diskussionsangebote unsererseits gewesen. Andere Beispiele sind: Ein Artikel in der Gerberei (die letzte Ausgabe, die bis jetzt erschienen ist) zum Thema Sexismus, die Queerschnitt Free Your Gender Days (eine queerfeministische Veranstaltungsreihe die im letzten Jahr zum zweiten mal stattgefunden hat, die bundesweit Aufmerksamkeit gefunden hat – aber nicht eure Aufmerksamkeit), die Kundgebung zum Internationalen Tag gegen Homophobie (an der nur junge Leute teilgenommen haben), immer wieder öffentliche Veranstaltungen zum Thema (die von euch nicht besucht wurden), die Queer-Filmabende am Dienstag, zu denen Leute aus Erfurt gekommen sind, aber nicht ihr) und nicht zuletzt persönliche Diskussionen am Alltag in der Gerberstraße 1 (an dem ihr nicht teilgenommen habt). Es ist aberwitzig, wenn ihr die Gerberstraße als ein „Objekt für die Möglichkeit antifaschistischer, antinationaler, interkultureller, antisexistischer, ökologischer, antiatomarer, generationsübergreifender und antiautoritärer Arbeit“ beschreibt. Denn wir haben diese Möglichkeit wahrgenommen und haben der Gerber 1 diesen Glanz verpasst, während ihr höchstens in einer Nische an eurer Spezialisierung gearbeitet habt und es nicht für nötig erachtet habt mit uns in einen Austausch zu treten. Dass ihr in der jetzigen Situation davon redet, der Konflikt würde Nazis und Peter K. freuen ist genauso bescheuert. Wir sind es, die seit Jahren kontinuierlich antifaschistische Arbeit betreiben. Euch haben wir dabei nur am Rande getroffen. Wir haben Peter K.’s Positionen kritisiert,1 während von euch dazu inhaltlich nichts zu hören war. Ihr habt nie mit einer inhaltlichen Kritik auf das reagiert, was wir erarbeitet haben. Jetzt beschuldigt ihr uns einer autoritären Ideologie.

Seit dem es die Sexismusdebatte in der Gerberstraße gibt, haben wir nun nicht nur einen Meinungsunterschied – eure Ignoranz gegenüber unseren Diskussionsangeboten ist zu einer offenen Anfeindung geworden, zu Diffamierungen, persönlichen Angriffen, keiner Bereitschaft uns überhaupt zuzuhören, Androhung von Gewalt, lächerlich machen (Das Baby, das gegen die Wand läuft). Diese Dinge spielt ihr in eurem Text herunter, in dem ihr sagt, dass es nachvollziehbar wäre dass so manchem mal der Kragen geplatzt ist und dass de facto niemand angefasst wurde. Ihr übt seit Monaten eine Gewalt aus, die manche von uns kaum aushalten. Und ihr nehmt das nicht ernst, spielt das herunter und sagt dann: „Ihr seit nicht diskussionsbereit.“

Wir haben die Diskussion ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr gewollt. Nachdem ihr, ohne uns zu fragen, wie wir uns das überhaupt vorstellen, unsere Sozialarbeiter_innen per Vorstandsentschluss entlassen und aus der WG geschmissen habt. Nachdem ihr unserem Plenum, dem Montagsplenum jede Entscheidungsfähigkeit abgesprochen habt und uns somit verbieten wolltet, selbst über unsere Mindeststandards zu entscheiden. Nachdem ihr geleugnet habt, dass es die Betroffenen, die Teil unseres Alltags gewesen sind, die Freundinnen von uns sind, die politisch aktiv waren, überhaupt gibt. Nach dem ihr Gewalt gegen uns ausgeübt habt. Nachdem ihr uns und die Betroffenen nicht mehr in Ruhe gelassen habt. Nachdem ihr uns verbieten wolltet uns von euch politisch zu trennen. Nachdem ihr Lügen verbreitet hattet. Diese Dinge waren für uns ausschlaggebend dafür, dass wir Leute von euch gebeten haben zu gehen, dass wir Plena unterbrochen haben wenn ihr gekommen seit, dass wir euch beleidigt haben.

Und trotzdem haben wir euch einen Vorschlag zur Kommunikation gemacht: Die Delegierten-Struktur, die die Basis für einen informellen Austausch zwischen Montags- und Mittwochsplenum hätte sein können. Was Voraussetzung dafür hätte sein können, dass es überhaupt irgendwie weitergeht. Ihr habt dieses Angebot abgelehnt. Jetzt kommt ihr und sagt, wir würden nicht diskutieren wollen. Ihr habt dieses Angebot abgelehnt und habt dann die Schlösser ausgetauscht. Es sollte wohl eine erzieherische Maßnahme sein – der Verweis darauf, dass ihr am Freitag wieder aufgemacht hättet, spricht dafür. Ihr habt uns wieder übergangen,
habt uns bevormundet, uns nicht ernst genommen. Wie wir darauf reagieren würden, das hätte euch klar sein müssen.

Wir haben uns Zugang verschafft und die Räume dann besetzt — anders hätten wir nicht verhindern können, dass ihr nochmal dicht macht. Nun kommt ihr und sagt: Ihr rühmt euch Besetzer_innen zu sein, es gibt bessere Objekte für eine „richtige“ Besetzung. Nein. Es gibt für uns keine Alternative zur Gerberstraße 1. Wir hatten hier unsere politische Sozialisation, hatten hier einen Rückzugsraum. Wieso sollen wir diese Räume Leuten überlassen, die manche von uns während der Sexismusdebatte überhaupt zum ersten mal gesehen haben? Leuten, die uns nicht ernst nehmen? Wir sind keine kleine Gruppe, die Entscheidungen erzwingt. Ihr seit es: Vorstandsmitglieder, die ihre Macht gegen eine große Gruppe von Jugendlichen verwendet.

Ich finde den Verweis auf einen Generationskonflikt (der sicher gerade auch stattfindet) nicht all zu gut. Denn dieser Verweis bedeutet oft, dass es sich bei dem was die Jugendlichen tun, um einen „natürlichen“ Vorgang des Erwachsenwerdens handelt und sie somit wieder nicht ernst genommen werden. Dennoch zum Abschluss eine Anekdote: Ich habe Kontakt zu einem autonomen Zentrum in einer anderen Stadt, welches ähnlich wie die Gerber auch ein Wohnprojekt beinhaltet. Bis vor ein paar Jahren wohnten dort Linke, die merkten, dass sie älter wurden und dass es eine neue Generation gibt, die nachwächst. Sie haben sich gedacht: Für diese neue Generation muss es Platz geben und haben sich in der Stadt ein neues Haus gekauft, haben eine neue Kommune gegründet und die Jugendlichen in das autonome Zentrum ziehen lassen. Seitdem besteht immer noch ein Austausch zwischen beiden Projekten. Ich wünsche euch im weiteren Verlauf ein Stückchen von dieser Weisheit, aber ich werde wohl enttäuscht werden. Denn bis zur Sexismusdebatte in der Gerberstraße haben einige von euch nicht mal gemerkt, dass es eine neue Generation gibt, die Energie hat und die vor allem etwas zu sagen hat. Ich denke es hätte einiges verhindert werden können, wenn ihr das früher gemerkt hättet und wenn ihr uns nicht mit einer solch unglaublichen Arroganz begegnet währt.

Ps.: Die Einladung zur Zuckerwatte nehme ich nicht an. Ich bin erst zufrieden, wenn ich auf ein solches Angebot nicht mehr angewiesen bin.

Einzelmeinung
von Lukas

  1. http://aaw.blogsport.de/2008/04/25/rechte-im-parlament-vertriebene-im-buendnis/ [zurück]