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Gerber-1-Besetzung hält weiter an

Wie wir bereits gestern an die Öffentlichkeit getragen haben, ist die Gerberstraße 1 in Weimar neu besetzt. Nachdem einige der offiziellen Besitzer, Vorstands- und Vereinsmitglieder des Gerber 1 e.V., sämtliche Schlösser der Gerberstraße 1 ausgetauscht und den bisherigen Nutzer_innen den Zugang verweigert hatten, haben sich gestern ca. 30 Menschen Zugang verschafft und die offiziellen Zugänge verbarrikadiert. Auslöser dieser Zuspitzung war eine Sexismusdebatte innerhalb des soziokulturellen Zentrums Gerberstraße. Die derzeitigen Neubesetzer_innen hatten sich im Vorfeld mit den Forderungen einiger Betroffener sexualisierter Gewalt solidarisiert.

Die rechtliche Lage ist derzeit heikel aber ungeklärt. Der Verein Gerber 1 e.V. ist der offizielle Besitzer des Hauses. Einige Mitglieder des Vorstandes haben sich entschieden den bisherigen Nutzer_innen den Zugang zu ihren Räumen zu verweigern. Doch auch die Neubesetzer_innen haben ein Vorstandsmitglied auf ihrer Seite. Bisher hatten die Vereinsstrukturen keine Auswirkungen auf den hierarchiearmen Alltag der Gerberstraße 1. Dies hat sicht mit der Sexismusdebatte geändert.

Heute früh haben einige Personen aus dem Umfeld der Gerber 3 angekündigt die derzeitige Neu-Besetzung nicht zu dulden. Sie riefen den Besetzer_innen zu, dass sie diese vor eine Entscheidung stellen würden: Wenn sie nicht bis heute Abend raus wären, würden sie andere Seiten aufziehen. „Wenn die Kinder Räuber und Gendarm spielen wollen, sollen sie nach Hause zu ihren Eltern gehen“, fügten sie (neben einigen anderen Beschimpfungen) ihrer Erklärung hinzu. Solche Aussagen zeigen welcher Gesinnung diese Herren sind und wie wenig sie von einer Kritik von Hierarchien und Bevormundung halten. Außerdem drohten sie dem Vorstandsmitglied, welches sich auf die Seite der Neu-Besetzer_innen gestellt hat, rechtliche Schritte an. Bei den angeblichen Vergehen handelt es sich angeblich um Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Geldveruntreuung.

Vor dieser Mitteilung hatten bereits zwei andere Personen aus dem Umfeld der Gerber 3 versucht, der Gerber 1 das Wasser abzustellen und versuchten hierzu einen Gulli-Deckel vor der Gerber 1 zu öffnen. Dies ist ihnen glücklicherweise nicht gelungen. Dafür haben sie die Heizung der Gerber 1 abgestellt und ein Transpi der Neu-Besetzer_innen mit der Aufschrift „Das Haus ist unsa“ abgerissen. Sie fürchten die Öffentlichkeit.

Wir befinden uns derzeit in einer Situation wir sie noch nie erlebt haben. Wir sind nicht stolz darauf was wir tun und es lastet derzeit ein gewaltiger Druck auf uns. Aber wir halten es für notwendig so zu handeln, denn wir wollen unsere Räume nicht aufgeben.

Die Leute aus der Gerber 3 und aus den Vereinsvorständen wollen zur Zeit nicht mehr vom konkreten Auslöser des Konflikts reden. Wir aber wollen betonen, dass wir uns auf die Seite von Betroffenen sexualisierter Gewalt gestellt haben. Daraufhin waren wir mit der Androhung von körperlicher und der Ausübung psychischer Gewalt konfrontiert, unser Plenum wurde entmündigt, uns wurde jede Entscheidungsfähigkeit über das Haus abgesprochen und die Räume, die wir bisher seit Jahren genutzt haben, wurden uns streitig gemacht. Mit dem Austausch der Schlösser der Gerber 1 wurde uns nun sogar praktisch untersagt in der Gerber 1 politisch oder anderswie aktiv zu werden.

Wir werden die Räume bis heut Abend und auch in absehbarer Zeit nicht verlassen und halten an unseren Forderungen fest! Wir fordern:

- alle Schlüssel für alle Schlösser in der Gerber 1

- Rücktritt des derzeitigen Vereinsvorstands des Gerber 1 e.V.

- Leute aus unseren Reihen in den Vorstand und in den Verein, einen anderen Verein akzeptieren wir nicht

- dass die Gerber 1 wieder ein autonomes Zentrum wird

- Zuckerwatte für alle!

Die Leute, die uns hier raushaben wollen haben etwas verloren, was wir noch besitzen. Wir gestehen uns ein, dass wir Angst haben. Aber wir haben Hoffnung auf Veränderung.

Komitee zur Aufrechterhaltung der Besetzung

Gerberstraße 1 wieder besetzt!

Die rechtmäßigen Besitzer_innen des soziokulturellen Zentrums „Gerberstraße 1“ haben den Benutzer_innen des Projekts heute den Zugang verweigert und scheinen ihnen damit die Nutzung der Räume zu untersagen.

Ausschlaggebend für diese Aktion ist der inzwischen 2 Monate andauernde Konflikt zwischen den Häusern Gerberstraße 1 und Gerberstraße 3. Der größte teil der Nutzer_innen der Gerberstraße 1 hatte sich hinter eine Unterstützer_innen-Gruppe gestellt, die mehrere Betroffene sexueller Gewalt vertreten und den Auszug des Täters gefordert hatte. Die Reaktion der Gerberstraße 3 bestand darin, nicht den Täter, sondern 2 Mitglieder dieser U-Gruppe per Vorstandsbeschluss aus der WG der Gerberstraße 3 zu schmeißen.

Leider haben sich auch einige Vorstands- und Vereinsmitglieder des Gerberstraße 1 e.V., die sich seit Jahren nicht mehr am Alltag in der Gerberstraße 1 beteiligt hatten, gegen die Forderungen gestellt und versuchen seitdem, den Menschen, die die Gerberstraße 1 seit Jahren aufrecht erhalten und die sich mit den Betroffenen und der U-Gruppe solidarisch erklärt haben, die Räume der Gerber 1 streitig zu machen.

Heute, am 13.01.09, haben sie sämtliche Schlösser in der Gerberstraße 1, inklusive des Infoladens und der Haustür teilweise aufgebrochen und ausgetauscht und die Fenster von innen verrammelt.
4 Leute aus der Gerber 1 hatten dies bemerkt und wurden nicht hereingelassen. Aus dem Fenster rief eines der Vereinsmitglieder: „Hier ist jetzt dicht!“. Es hätte genügend Anlässe dafür gegeben.

Etwa 30 Menschen verschafften sich gegen 21:00 Uhr wieder Zugang zu den Räumlichkeiten und verbarrikadierten die Haustür von innen. Wir haben die Gerberstraße 1 neu besetzt!
Damit nehmen wir dem Gerber 1 e.V., dem formal rechtmäßigen Besitzer, das Haus weg – was theoretisch eine illegale Handlung ist.Uns kommt eine seltsame Parallele in den Kopf – das besetzte Haus in Erfurt soll auf Forderung des „rechtmäßigen Besitzers“ geräumt werden; die Besetzter_innen der Räume sollen dort in Zukunft nicht mehr sein.

Wir haben im Moment noch keine genauen Pläne, wie die Organisation der Gerber 1 nun vonstatten gehen soll – irgendwann muss die Tür wieder offen sein und wir wollen wieder normal ein- und ausgehen. Was wir allerdings wissen ist, dass wir für unsere Räume kämpfen werden.

Wir fordern:

- alle Schlüssel für alle Türen der Gerberstraße 1!

- den Rücktritt des derzeitigen Vorstands des Gerberstraße 1 e.V.!

- Leute aus unseren Reihen in den Vorstand und in den Verein; einen anderen Verein akzeptieren wir nicht!

- dass die Gerber wieder ein autonomes Zentrum wird!

- Zuckerwatte für alle!

Das Besetzer_innen-Plenum

Stellungnahme von ein paar Leuten vom IL Sabotnik

Wie kommen wir dazu, uns in die Angelegenheiten eines sozialen Zentrums in Weimar zu mischen? Ausgehend davon, daß wir von der Gerber 1 um Unterstützung gebeten wurden, können wir dazu folgendes festhalten:

1. Einige von uns arbeiten seit Jahren mit der Gerberstraße 1 zusammen, kennen die dort aktiven Genoss_innen und haben keinen Anlass, ihnen nicht zu vertrauen. Wenn eine uns bis dato unbekannte Fraktion von Vereinsmitgliedern des Vereins Gerberstraße 3 versucht, die Strukturen der Gerber 1 zu delegitimieren und die Angestellten der Gerber 1 herauszudrängen, dann kommen wir nicht umhin, uns zu positionieren.

2. Aus diesen Gründen haben einige von uns am 1.12. am Montagsplenum der Gerberstraße 1 teilgenommen. Was wir dort gesehen und gehört haben, bestärkt uns in unserer Positionierung:

- Die anwesende Abordnung des Gerber-3-Mittwochsplenums bezeichneten die Angehörigen des Montagsplenums durchgehend herablassend als „die Jugendlichen“, wobei diese Benennung nur symptomatisch war für eine paternalistische Haltung, die den derzeit in der Gerber 1 aktiven Personen abspricht, voll handlungsfähig zu sein.

- Die wenigen Leute aus der 3 haben es durchgehend geschafft, durch ständige Zwischenrufe und durch konfrontative Zwischenbemerkungen wie „Dann hau doch ab“ oder „Dann ziehst Du weiter, um andere Projekte kaputt zu machen“ die Diskussion im Montagsplenum zu dominieren.

- Die Unterstützung bei der Suche nach einem Raum für eine Zukunftswerkstatt der Gerber 1 wurde von einer Person aus der 3 zuerst angeboten und zurückgezogen, als der Inhalt der Zukunftswerkstatt nicht mehr genehm war.

- Daß mehrere Leute ausführlich dargelegt haben, daß die Anwesenheit der Leute aus dem Mittwochsplenum eine nicht tragbare Belastung darstellt, wurde ignoriert, bzw. verlacht.

3. Abgesehen von diesen Ereignissen, die eher auf einer formalen Ebene spielen, halten wir zentrale inhaltliche Argumente der 3er für politisch falsch:

-Zur Frage der Toleranz müssen wir festhalten, daß wir diese mitnichten für ein zentrales Merkmal linker Räume halten. Oft genug wird im Namen der Toleranz im Kern verlangt, auf einen Standpunkt zu verzichten. Unsere Toleranz hat Grenzen, wenn Leute mit ihrer Anwesenheit eine physische oder psychische Bedrohung für andere darstellen. Das ist für uns im Umgang mit Rassismus und Nationalismus ebenso selbstverständlich wie mit Sexismus.

- Als zentrales Argument für die herausragende Wichtigkeit einzelner älterer Männer aus der Gerber 3 wurden immer wieder Bautätigkeiten aus der Vergangenheit benannt. Wir sind nicht der Ansicht, daß in einem Projekt diejenigen das Sagen haben, die am meisten Bautätigkeit vorweisen können.

- Das Mittwochsplenum der Gerberstraße 3 will sich herausnehmen, die Definitionsmacht darüber auszuüben, was ein sexueller Übergriff ist. Entgegen den unmissverständlich formulierten Wünschen der Betroffenen der aktuellen Übergriffe will das Plenum „mehr Details“, um selbst definieren zu können, was ein Übergriff ist. Wie üblich in einer patriarchalen Gesellschaft wollen damit alte Männer — Richter, Ärzte, Psychologen oder eben die Sozialarbeiter aus der Gerber 3 — zu Gericht sitzen und festlegen, was sexualisierte Gewalt ist und die Betroffenen damit erneut zum Objekt machen. Gegen genau diese alltägliche Entmündigung der Betroffenen von sexueller Gewalt stellt die U-Gruppe die Definitionsmacht der Betroffenen, die im Übrigen (im Gegensatz zum gebetsmühlenhaft vorgetragene Gerede der Gerber 3) selbst im bürgerlich Recht (im Arbeitsrecht) so verankert ist %u2013 auch wenn unsere Ablehnung der Gerber 3-Position nicht auf dem bürgerlichen Recht beruht.

- Die aus dem Kreis der Gerber 3 geäußerte Ansicht, es könne sich bei den aktuellen Übergriffen um eine abgesprochene Angelegenheit handeln, um die Gerberstraße zu spalten, halten wir für eine völlig indiskutable Verschwörungstheorie.

- Als Begründung für den Rauswurf der beiden SozialarbeiterInnen werden immer wieder die exponierte Stellung dieser benannt. Daß gerade jetzt eine Diskussion über Hierarchien losgetreten wird, halten wir für vorgeschoben. Die Gerberstraße hatte jahrelang Zeit, sich über Machtstrukturen im Projekt Gedanken zu machen. Daß Leute, die mit Vorstandsbeschlüssen agieren, Hierarchien als Argument vorschieben, ist lächerlich.

Statement der Antifagruppe Erfurt [AG17]

AG17 erklärt sich mit den Betroffenen der sexuellen Übergriffe solidarisch. Wir stehen hinter der Definitionsmacht, die den Betroffenen Freiraum erhalten soll und eine Gegenmacht zum männlich dominierten sexistischen Mainstream dieser Gesellschaft ermöglichen. Diesen sexistischen Mainstream sehen wir auch in linken Zusammenhängen, so auch im soziokulturellen Zentrum Gerberstraße, als bittere Realität an.
AG17 steht hinter der Unterstützer_innengruppe der Betroffenen. Diese Unterstützer_innengruppe kann nur durch die Betroffenen legitimiert bzw. delegitimiert werden. Alles andere wäre eine Missachtung der Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen. Versuche, Menschen der Unterstützer_innengruppe einzuschüchtern, halten wir für nicht tragbar. Etwaige Kritik am Verhalten von Mitglieder_innen der U-Gruppe, die nicht unmittelbar mit dem sexuellen Übergriff zu tun haben, sollte nicht an sie in ihrer Eigenschaft als U-Gruppe gerichtet werden. Diese Kritik sollte abseits des Konfliktes um den sexuellen Übergriff behandelt werden. Uns entsteht der Eindruck, dass auf dem Rücken der Betroffenen ein intriganter Machtkampf um andere Konflikte innerhalb der Gerberstraße ausgetragen wird.
Deshalb fordern wir eine Auseinandersetzung mit Sexismus in linken Zusammenhängen. Wir fordern, dass Betroffene sexueller Übergriffe und ihre Wünsche und Forderungen respektive die sie vertretenden U-Gruppen anerkannt werden. Wir fordern, verbale sowie körperliche Gewaltanwendungen innerhalb linker Zusammenhänge nicht zu dulden!

Statement der Antifagruppe Apolda [AGAP]

Die Ereignisse der letzten Wochen in den Häusern eins und drei der Weimarer Gerberstraße sind an uns als Teil der „Szene“ nicht vorübergegangen. Um dem Vorwurf vorzubeugen, wir würden nur eine Seite der Argumentationen kennen, stellen wir zu erst klar, dass uns auch die bisherigen drei Veröffentlichungen von Personen aus dem Umfeld des Mittwochs-Plenums der Gerber drei bekannt sind. Zum zweiten betrachten wir unseren Standpunkt nicht als von „außen“ kommend. Seit Jahren bewegen wir uns im Umfeld der Gerberstraße eins und drei – sehen uns daher als aktiven Teil der beiden Häuser.
Im Folgenden möchten wir darlegen, weshalb wir uns mit den Forderungen des Gerber eins Plenums solidarisieren. Ziel unserer Bemühungen ist es, jene Personen zur Reflexion zu bewegen, deren Standpunkte und Vorgehensweise wir kritisieren. Im Zuge dessen ist unser Statement nicht nur als Stellungnahme zu betrachten, sondern soll konstruktiv in die immer heftiger artikulierende Kontroverse hineinwirken.

Der Umgang miteinander – Ein Konflikt der Generationen?

Bei der Betrachtung der am Prozess des Konflikts beteiligten Personen ist eine deutliche Kluft im Altersdurchschnitt erkennbar. Das wirf die Frage auf, ob dies ein Grund für die unterschiedlichen Sichtweisen darstellt. Die AAW konstatiert ihrerseits ein Versäumnis in der Vermittlung gegenwärtiger Prozesse innerhalb des soziokulturellen Zentrums Gerberstraße.
Antisexistische Politik stellt heute einen wichtigen Teil linker Politik dar, das war nicht immer so. Die Kenntnis der Definitionsmacht kann vor allem bei Menschen, die sich in den letzte Jahren politisch passiv verhielten – also nicht aktiv am politischen Diskurs teilnahmen – nicht vorausgesetzt werden. Das allein ist jedoch kein Grund für Ausflüchte, denn: Die Möglichkeit jenen Prozess nachzuvollziehen hatten und haben die Beteiligten des Mittwochs-Plenums. Doch an Stelle der offenen und gleichberechtigten Auseinandersetzung mit der Thematik, stößt das in jüngeren Teilen akzeptierte Prinzip der Definitionsmacht bei älteren angehörigen der Szene auf eine kategorische Ablehnung. Das äußert sich in der Folge, dass VertreterInnen der jüngeren politischen Strömung nicht ernst genommen – sogar verlacht werden. Stattdessen wird ein jahrelanger Prozess antisexistischer Auseinandersetzung ausgeblendet und so getan, als wäre dieser niemals geschehen. Wenn die Beiträge antisexistischer Arbeit schon in der Vergangenheit ignoriert wurden, so muss sich nun damit auseinandergesetzt werden, um zumindest eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu schaffen.
Aussagen von Seiten des Mittwochs-Plenums, wonach die Definitionsmacht anerkannt würde, jedoch Einzelheiten der Vorfälle bekannt gemacht werden müssen, zeigt, dass es deutliche Unwissenheit über den Charakter der Definitionsmacht gibt. Eine Argumentation kann jedoch nur logisch sein, wenn die Basis – also die Kenntnis der Definitionsmacht – dafür vorhanden ist. Die These, wonach es sich um einen Generationskonflikt handelt, sehen wir in der Praxis der Nichtanerkennung des seit Jahren geführten Prozesses bestätigt. Politische Arbeit wird auch in Zukunft eine Entwicklung vollziehen. Wir alle müssen uns und unsere politischen Ansichten reflektieren um jüngeren Generationen eine Chance zur Gestaltung politischer Arbeit zu geben. Neue Prozesse müssen ernst genommen und jungen Menschen und ihrer Bedürfnisse darf nicht mit Arroganz begegnet werden.

Entpolitisierung und der Wunsch nach Trennung

Wir können nicht sagen, ob sich Teile des Umfeldes der Gerberstraße in den letzten Jahren pauschal entpolitisierten. Wahrscheinlicher ist die Annahme, dass es immer einen nicht politisierten Teil gab – was sich grundsätzlich nun einmal nicht vermeiden lässt. Der momentane Zustand lässt jedoch auf eine Polarisierung zwischen sich als radikal links verstehen Personen und AnhängerInnen so genannter „unpolitischer“ Subkulturen schließen – was uns zum Problem der Sache führt.
Eingangs möchten wir bemerken, dass der Politikbegriff im weitesten Sinne ein unpolitisches Leben ausschließt. Im Gefüge des gesellschaftlichen Handelns – und sei es nur innerhalb einer Subkultur – spielt Politik im weitesten Sinne immer eine Rolle. Der Mensch kann ohne gewisse Formen von Politik sein gesellschaftliches Zusammenleben nicht bestreiten. Wir betrachten daher die pauschale Ablehnung des Politischen eher als die Ablehnung bereits genannter linksradikaler Prozesse. Eine Ursache sehen wir in der eingetretenen Verrechtlichung und Kommerzialisierung der Gerberstraße.

Vor allem die Wunderbar wird von vielen Menschen als Bar und Veranstaltungsstätte betrachtet. Mindeststandarts wie Antifaschismus, Antissexismus und die Ablehnung von Antisemitismus und Nationalismus werden entweder nicht geteilt, oder als nicht politisch begriffen. Einfach nur ein Biertrinken oder der Wunsch sich in einem von einigen Menschen offenbar als rechtsfreien Raum betrachtenden Haus zu bewegen, ohne die oben genannte Basis zu vertreten, sich damit auseinander zusetzen beziehungsweise als gemeinsame Grundlage des Zusammenseins anzuerkennen, sehen wir als unvereinbar mit den einstigen politischen Zielen der Gerberstraße. Die Kluft zwischen politischer Arbeit und normalen Barbetrieb äußert sich schlussendlich auch im gegenwärtigen Konflikt. Der Wunsch nach einer Trennung des politischen und kulturellen kann nicht im Interesse der Menschen sein, die Politik im weitesten Sinne begriffen haben. Das Politische wurde somit in erster Linie von Menschen des Mittwochs-Plenums aus der Gerber abgetrennt: Zum einen mit der Nichtanerkennung politischer Prozesse innerhalb der Gerberstraße, zum anderen mit der Aussage der Umgang mit einem sexuellen Übergriff sei ein unpolitisches Gegenstandsfeld.

Das Montagsplenum der Gerber eins

Gestaltungsraum für besagte politische Prozesse ist seit Jahren das Plenum der Gerber eins. Im Gegensatz zu anderen Gestaltungsplattformen der Gerber stellt es einen kontinuierlich politisch arbeitenden Teil des soziokulturellen Zentrums dar. Die Beschluss- und Selbstbestimmungsfähigkeit des Plenums wird nun offen in Frage gestellt. Das kommt einer Entmündigung gleich und ignoriert die jahrelange Arbeit aller Beteiligten. Die Sichtweise, wonach die jüngere Generation nichts zur Schaffung des Freiraumes beitrug und deshalb keinen Anspruch darauf hätte, widerspricht der Philosophie linker Freiräume im Allgemeinen. Wenn bestimmte Menschen Eigentumsverhältnisse an einem sich von Beginn an links konstituierten Projekt hegen, schließt das eine Entwicklungsfähigkeit aus und stellt alle kommenden Generationen unter generelle Autorität. Das kann und sollte nicht Grundlage eines autonomen Freiraumes sein. Aus dem oben Genannten erfolgt der Schluss, wonach das Montags-Plenum über die Gerberstraße eins entscheidet, Hausplenum ist und damit nicht dem Mittwochs-Plenum der Gerber drei unterliegt. Das Montags-Plenum ist somit auch Gerber eins Vereinsplenum.

Die Rolle der SozialarbeiterInnen

Im Zuge des Ausschlusses zweier SozialarbeiterInnen äußerten die Menschen, welche jenen Ausschluss mehrheitlich befürworteten, dass es Zeit wäre unbequeme Arbeiten selbst zu erledigen. Das impliziert die These des hierarchisch organisierten Ablaufes der Arbeit innerhalb der Gerber eins. Überspitzt formulierten einige Menschen es mit dem Begriff „Faschismus“. Für uns endet spätestens an dieser Stelle die zu akzeptierende Argumentation der Gegenseite. Es relativiert nicht nur die Ideologie des Faschismus, es verleumdet auch Menschen, die seit Jahren ihre Kraft in die Bekämpfung der auf sie angewendeten Ideologie legen.

Zu Beginn formulierten wir unsere Teilhabe im politischen und kulturellen Bereich der Gerberstraße. Im Zuge dessen haben wir auch den Charakter des politischen Prozesses seit Jahren verfolgen können. Unser Eindruck bestand nie in der Feststellung, dass angestellte Personen einen Führungsanspruch gegenüber den BesucherInnen ausübten. Im Gegenteil, es wurde sich auf Plenas eher zugunsten der Entscheidungsfähigkeit aller Anwesenden zurückgehalten. Unliebsame Aufgaben übernahmen Gäste und SozialarbeiterInnen gleichermaßen. Hinzuweisen ist hier auf die Sanierung der Gerber eins nach dem Brand vor einigen Jahren und den wirtschaftlichen Betrieb des Hauses. Dass die angestellten SozialarbeiterInnen aufgrund ihres Beschäftigungsverhältnisses mehr Zeit investieren können als andere, versteht sich von selbst und sollte nicht als Argument gegen sie angeführt werden. Ohne das über rein berufliche Pflichten hinausgehende Engagement der SozialarbeitInnen wären einige Projekte niemals möglich gewesen. Diesen Umstand nun gegen sie anzuführen, ist schlicht ausgedrückt unfair. Wir fordern das Recht der Jugendlichen innerhalb der Gerber eins über die Wahl des Sozialarbeiters beziehungsweise der Sozialarbeiterin selbst zu entscheiden. Beide Personen stellten klar, dass sie sich im Falle einer Abwahl ihrer Posten von Seiten der Jugendlichen diesem Entschluss beugen würden.
Den Vorwurf der Autorität sehen wir nicht bestätigt! Deshalb erkennen wir die Beschlüsse des Mittwochs-Plenums nicht an.
Das hat zur Konsequenz, dass die vom Ausschluss betroffenen Personen ein Teil der Gerberstraße eins sind und bleiben und das nicht nur in ihren Funktionen!

Die Mehrheit entscheidet?

Es muss zunächst die Frage gestellt werden, wie sich Mehrheiten bei offenen Plenas bilden und ob diese repräsentativ für alle gelten können. Im Falle des Mittwochs-Plenums haben sich Personen im Vorfeld über ihr Handeln abgesprochen, um einen Ausschluss zu forcieren. Hier zeigt sich die Unzulänglichkeit des Mehrheitsprinzips in offenen Strukturen. Denn nur weil die eine Seite im entscheidenden Moment in der Minderheit war, heißt das nicht, dass dies generelle Gültigkeit hat. Dieser Umstand spiegelt sich in der Forderung von 40 Personen aus dem Umfeld der Gerber eins und dem immer größer werdenden UnterstützerInnenkreis wider.
Die momentane Minderheit auf einem offenem Plenum muss in den Prozess der Entscheidungsfindung dialektisch einbezogen werden. Ansonsten würde es auf jedem Plenum darauf hinauslaufen im Vorfeld möglichst personenstarke Parteien zu sammeln, um anschließend innerhalb des Plenums die Entscheidungsgewalt an sich zu reißen. Wenn das nicht die Regel werden soll, müssen auch Minderheiten ernst genommen und in Entscheidungen einbezogen werden. Das Konsensprinzip sollte im Prozess einer Entscheidungsfindung normativen Charakter haben.
Im Abschluss der Betrachtung von Entscheidungsfindung auf dem Mittwochs-Plenum möchten wir die Untragbarkeit betonen, mit der ein nur formal existenter Vereinsvorstand unter Ausnutzung niemals als verbindlich betrachteter Entscheidungsgewalt über die Köpfe der BewohnerInnen des Hauses und entgegen der Einsprüche vieler BesucherInnen hinweg entschieden hat. Dies geschah unseres Wissens mit dem Ausrufen eines ominösen Notstandes – der offenbar dazu diente, dem Vorstand unbequeme Diskussionen zu ersparen. Die Ablehnung einer Vereinsgründung in Erfurt zum Erhalt des Besetzten Hauses wird im Zuge eines solchen Negativbeispieles nur allzu klar. Wer sich in das Korsett bestehender Rechtsformen zwängt, wird diese vor allem in heiklen Situationen für sich selbst ausnutzen und damit emanzipatorische Politik ad absurdum führen.

Die Entmündigung der Betroffenen und der Vorwurf des konstruierten Übergriffes zum Zwecke der Spaltung

Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Betroffenen waren der Hauptauslöser des Konflikts. Dieser Umstand ist vor allem der Freundschaft zum Täter und der Anonymität der Betroffenen geschuldet. Einem beliebiger Gast der Kneipe wäre wohl eine andere Behandlung widerfahren. Die Anonymität der Betroffenen von sexualisierter Gewalt betrachten wir als unverzichtbares Erfordernis. Denn nur auf diese Weise können Betroffene geschützt werden. Eine Anhörung wäre in unseren Augen unzumutbar. Eine UnterstützerInnengruppe für die Betroffenen erscheint uns die einzige Lösung mit diesem Problem umzugehen. Die Wahl jener Gruppe stellten die Anwesenden des Gerber drei Plenums in Frage. Sie entmündigten damit die Betroffenen vom Recht der freien Wahl von VertreterInnen. In der Folge bleiben nur die Möglichkeiten die Wünsche der Betroffenen umzusetzen oder die Tat als solche völlig konsequenzlos zu lassen, was dem Täter weiten Handlungsspielraum innerhalb der Gerber bieten würde. Letzteres kann niemand ernsthaft verlangen.
Im letzten Plenum der Gerber eins, an dem auch VertreterInnen der „anderen Seite“ anwesend waren, kam die Frage nach der Konstruktion des Vorfalles auf. Das heißt konkret: Einige Menschen gehen davon aus, dass der gesamte Fall inszeniert wurde, um die Gerber „zu spalten“. Der Vorwurf richtete sich konkret gegen die UnterstützerInnengruppe der Betroffenen. Zudem kam der Einwurf, dies alles käme von Menschen aus dem „Westen“ in den Freiraum Gerberstraße hinein.
Damit ist ein inhaltlicher Tiefpunkt der Auseinandersetzung beschrieben, der den gesamten Konflikt in seiner Tragweite deutlich über den eigentlichen Vorfall hinausträgt. Eine weitere Kommentierung erübrigt sich anhand solcher Aussage von selbst.

Wir unterstützen die Forderungen der Betroffenen, dass der Täter auszieht und auch ein Hausverbot für die Gerberstraße drei bekommt, damit beide Häuser für die Betroffenen wieder zu angstfreien Räumen werden können. Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen und mit der UnterstützerInnengruppe.